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Prinzipien

Ist es eigentlich falsch seine Prinzipien über den Haufen zu werfen?

Was ist, wenn ich es für falsch halte, nicht wählen zu gehen oder wenn ich nicht heiraten will oder wenn ich es nicht einsehe, für einen Toilettenbesuch 1 Euro zu bezahlen oder wenn ich die Leute erst aus der Bahn aussteigen lasse, bevor ich selber einsteige und das anders herum auch so erwarte – ich weiß sehr random und teilweise belanglos – jeden falls nur um ein paar unverfängliche Beispiele zu nennen. Nun ich würde schon sagen, ich bin ein prinzipieller Mensch (und dennoch kann ich meine Prinzipien easy über den Haufen werfen und kann das mit mir vereinbaren, gehört vermutlich zum älter werden dazu). Ich habe so meine Ansichten und die verteidige ich auch bis zu einem gewissen Grad, manche sind wichtiger als andere – offensichtlich Watson und nu‘?

Alles ist im Wandel, alles verändert sich, zu welchem Grad sollte man dann an seinen Prinzipen festhalten? Aber was ist man dann ohne sie? Ein rückgratloses, meinungsloses Häufchen? Was ist richtig? Was ist falsch? Manche Sachen die ich vorhin aufgezählt habe, halte ich vielleicht für mich relevant, aber im Grunde genommen spielt es eine geringe Rolle, ob ich es für gut oder schlecht halte, weil beide Seiten irgendwie vertretbar sind. Zum Beispiel Leute die nicht wählen gehen, haben für sich plausible Gründe die dafür sprechen, die für mich unverständlich sind – und wenn sie nicht wählen gehen ist das ihre Sache und macht sie nicht automatisch zu schlechten Menschen (Wählen ist vielleicht doch nicht so unverfänglich als Beispiel und per Definition sehr politisch und eigentlich ist der Konsens recht hoch, dass es doch eine gute Idee ist wählen zu gehen – aber tun wir mal mir zu liebe, dass es super kontrovers ist, ob man wählen sollte oder nicht). Also wählen oder nicht wählen – man ist sich unschlüssig, die Leute haben jeder so seine Ansichten … ne das macht keinen Sinn ich brauche ein anderes Beispiel. Leute geht wählen bzw. ich hoffe ihr wart alle wählen, Wählen ist nicht kontrovers.
Neues Beispiel: Nehmt euch einfach irgendein Prinzip, was ihr in eurem Leben verfolgt und setzt es in die Lücke ein __________ (vegan, vegetarisch leben, Älteren in der Bahn den Platz freimachen, nichts wegschmeißen, immer aufräumen, nie aufräumen, abends die Zähne putzen, Pazifist sein, Christ sein, Antichrist sein – whatever.)
Nun bei einigen Dingen gibt es kein klares richtig oder falsch – oder doch? Oder gibt es richtig oder falsch überhaupt? Wer bestimmt das? Die Gesellschaft? Und nach welchen Kriterien? Wie können sich Prinzipien einer Person, geschweige denn einer Gesellschaft einfach so ändern? Sollte man überhaupt an Prinzipien festhalten? Sollte man überhaupt an richtig und falsch festhalten? Und warum sind das für jeden unterschiedliche Dinge? Klar, weil wir alle unterschiedlich sind, aber sollte richtig oder falsch Personenabhängig sein? Warum gibt es nicht e i n Richtig und e i n Falsch? – Weil es bei manchen Dingen einfach e g a l ist oder weil jeder seine eigene Moral vertritt?

Ich erfinde das Rad nicht neu – i know – aber interessant ist es doch, dass jeder so seine eigenen Prinzipien verfolgt und meistens die anderen nicht stört und man lässt sich gegenseitig gewähren. Ist ja auch richtig so oder? – Ich würde sagen ja.
Über mich würde ich ebenso sagen, dass ich schon so einiges toleriere – was meinen wichtigen Prinzipien eben nicht widerspricht, also so was wie nicht töten, niemanden hintergehen, nicht lügen usw.

Irgendwie scheint ja doch jeder für sich zu entscheiden was richtig und falsch ist und das stimmt dann der breiten Masse zu oder nicht – oder lässt man sich doch eher von der Welle tragen und beeinflussen – ich denke es gibt solche und solche Kandidaten.

Keine Ahnung irgendwie bin ich vom Thema abgekommen – es ging um Prinzipien und was sie Wert sind. – Für manche viel und mache sind auch viel Wert.
Versöhnend fällt mir nichts ein – aber vielleicht muss es auch nicht immer versöhnlich sein.
Die Frage nach Richtig und Falsch und nach Prinzipien, beschäftigt mich schon lange Zeit und meine Gedanken dazu drehen sich nur im Kreis und ich komme auf keinen grünen Zweig. Es bleibt mir doch ein Rätsel – auch wenn ich verschiedene philosophische Theorien gelesen habe und es klar mit der Sozialisation und Erziehung zusammenhängt welche Werte wir haben und und und – das ist mir schon alles bewusst, ich studiere Philosophie – ich weiß wer Kant, Locke, Hobbes, Hare und Mill sind und was Utilitarismus ist – dennoch ist dies keine zufriedenstellende Antwort woher denn nun unser Richtig und Falsch kommen. Es wird wohl noch einige Jahre (falls ich überhaupt eine befriedigende Antwort bekomme) und einige Nachforschungen und viele Überlegungen dauern bis mein Rätsel gelöst ist.

fensterschauen


Nachmittags, wenn alle Kinder mit ihren großen Rucksäcken von der Schule
Nach Hause schlendern und dabei laut lachen,
Stehst du am offenen Fenster, mit Kissen unter den Ellbogen und schaust.
Schaust, wie die Leute von der Arbeit kommen, wie sie einkaufen gehen,
Wie sie sich unterhalten und du selbst –
Schweigst und schaust.

Jeden Tag siehst du ungefähr das selbe. Nur ab und zu passiert etwas
Unvorhergesehenes und davon lebst du. –
Deine Wohnung interessiert dich nicht.
Dein Leben interessiert dich nicht.
Dich interessieren nur die Menschen, die an deinem Fenster vorbeikommen.
Aber eigentlich auch nicht so wirklich –
Es interessiert dich nicht, ob sie glücklich sind oder ob sie morgen sterben.
Es interessiert dich nur, dass du was zum schauen hast.

Jemand fällt, jemand spricht, jemand tanzt, jemand streitet, jemand verschüttet etwas.
Jemand fährt vorbei, jemand malt, jemand geht vorbei, jemand sitzt, jemand schreibt.
Jemand beobachtet (dich), jemand humpelt, jemand musiziert, jemand applaudiert.
Jemand spielt, jemand trinkt, jemand isst, jemand bellt, jemand putzt sich die Nase.
Jemand niest – Gesundheit!

Manchmal grüne Gräser, bunte Blumen, singende Vögel, ein Eiswagen, Flip-Flop-Geräusche, Tauben, Löwenzahn, dann Pusteblumen, Blüten an den Bäumen, dann Blätter, erst grün, dann orange, rot, lila, gelb und braun.
Es fällt dir auf wenn sich die Welt ändert, wenn die Jahreszeiten vergehen, aber auch nicht wirklich. Es fällt dir auf, aber du empfindest nichts.
Du empfindest schon lange nichts mehr.
Keine Freude, keine Trauer, keine Wut, kein Ekel, kein Frust, keine Ruhe, keine Euphorie, keinen Zorn, keine Geduld, keine Ungeduld, kein gar nichts.

Dich kommt schon lange keiner mehr mehr besuchen. Das einzige, was du noch hast, ist dein Fenster – es ist dein bester Freund und dein schlimmster Feind.
Glücklich bist du damit nicht,
aber wenigstens hast du noch was zum schauen.
Du siehst die graue Straße, die grauen Autos, die grauen Pullover, die grauen Mäntel und Taschen, die grauen Gebäude gegenüber. –
Du schaust in eine graue Welt
Und trotzdem bist du zufrieden,
Weil du wenigstens was zu schauen hast
Was dich löst von deinem grauen Geist.

stadtwald

Träumend durch die Stadt gehen, als wäre es ein Wald.
Denkend schlendern als wäre man am Träumen.
Nichts mehr mitbekommen, als wäre man wo anders.
Als wäre man nicht anwesend, sondern körperlich in Gedanken.

Auch wenn es Frühling ist, fallen sie vom Himmel, wie im Herbst.
Du fragst dich was in deinem Leben wichtig ist.
Ob irgendwas was du tust wichtig ist. –
Was davon wichtig ist.
Du gehst alles Schritt für Schritt in deinem Kopf ab.
Und am Ende weißt du gar nicht.

Kennst du das, wenn du im Tunnel bist und eigentlich gar nichts mehr mitbekommst, komplett abwesend bist und alles was du in dem Moment tust automatisch abläuft, aber gleichzeitig bekommst du alles mit, siehst jedes Detail, jede noch so kleine Kleinigkeit, jedes Blatt was vom Baum fällt, jeden Menschen, jeden Schatten, jedes Auto, jeden Hund, alles was sich bewegt – du bist so aufmerksam wie noch nie in deinem Leben, aber gleichzeitig doch so unendlich fern von der Gegenwart.

Und die Gedanken fließen schneller als jedes Licht durch Glasfaserkabel.
Du weißt nicht mehr wo du bist.
Du weißt nicht mehr wohin du willst.
Du weißt nicht mehr.

Du versuchst den Dingen einen Namen zu geben. –
Die eigentlich keinen Namen haben.
Wer bist du das du denkst.
Ich denke also bin ich.

Du starrst durch alles durch, durch die Bahn, durch den Tunnel, durch die Leute durch, durch den Baum, durch die Luft.
Du siehst keine Erleuchtung, kein Licht, kein Ahhh!, kein achso.

Du würdest dich einfach gerne auf den Boden setzten, alle um dich herum zusammenrufen und ihnen erzählen, was gerade so in dir vor geht und sie fragen, ob sie es auch sehen. Würdest gerne ihre Meinung hören, würdest gerne ihre Ohren in Anspruch nehmen, würdest dich gerne nach hinten fallen lassen und laut lachen und die Leute um dich mit dir.

Städtisch durch den Traum gehen, als wäre er real.

krimi zwischendurch – kapitel 8: erster klarer blick

„Der unsichtbare Kölner – der Polizeiskandal 2018“ titelte die Bild.
Durch anonyme Quellen fanden wir heraus, dass uns die Polizei die ganze Zeit an der Nase herumgeführt hat: Dass der angeblich gefasste Serienmörder, der zehn junge Frauen, welche nur höchstens achtundzwanzig Jahre alt waren, getötet hat, in Wirklichkeit immer noch auf freiem Fuß ist. Ganz richtig gehört – er läuft immer noch frei rum – der momentan Gefasste ist mutmaßlich ein Trittbrettfahrer und psychisch krank. Sein selbst gewählter Name ist Kurat, was auf isländisch Teufel heißt – passend oder?
Die Polizei hielt diese Information noch zurück um erneute Panik vorzubeugen, so der offizielle Grund (den man angegeben hätte, hätte man sich überwunden die Pressemitteilung zu veröffentlichen). Viel mehr scheint es so, als wollten sie ihre vorschnelle, inkompetente Festnahme so lange wie möglich vertuschen. Raus gekommen ist der Fehler nämlich erst nachdem Kurat festgenommen wurde und nachdem! die erste Pressemitteilung rausging, erst dann wurden seine Fingerabdrücke und eine DNA-Probe entnommen. Man muss zugeben es bestand auch kein Grund zum Zweifel, da er bei frischer Tat erwischt wurde und die Morde auch alle brav gestanden hat. Nun als die Ergebnisse reinkamen – kam auch der Schwindel raus und auch das gestand Kurat. Doch wie genau er in die ganze Sache verwickelt ist und ob er Kontakt zum echten unsichtbaren Kölner hatte oder schließlich doch
nur ein Trittbrettfahrer ist ist zu diesem Zeitpunkt noch unklar.

„Leute was machen wir jetzt mit dem Scheiß?“, fragte Limpa auf die Leinwand zeigend, auf der der Artikel abgebildet war.
„Anonyme Quelle?! Die meinen wohl eher eine Ratte aus der Polizeistation!“, rief Gabi in die Runde, er kam zuletzt in die kurzfristig einberufene Sondersitzung.
„Aber wem von uns würde das auch nur das entfernteste bringen?“, fragte einer der Kollegen aus der letzten Reihe.
„Ach für Geld macht man so einiges.“, feuerte Gabi zurück.
„Also willst du sagen ein Beamter hat für Geld die Polizei verraten?“
„Wenn die Summe groß genug ist und die Moral niedrig genug – ja warum denn nicht?!“
Großes Gemurmel breitete sich im Konferenzraum aus.
„Liebe Kollegen! Ich bitte euch!“, Limpa versuchte für Ruhe zu sorgen, „Lasst uns lieber überlegen wem dieser Skandal wirklich nützlich ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass niemand von uns so etwas tun würde. Außer Gabi du hast tatsächlich Beweise für deine wilde Theorie – wir sind hier immer noch bei der Polizei.“
„Wer wusste denn alles über Kurat Bescheid?“
„Nur wir die in diesem Raum sitzen, der echte und der falsche unsichtbare Kölner und der Anwalt.“, antwortete Limpa auf Gabis Frage.
Kurze Stille. „So da haben wir es doch! Nur den drei letztgenannten würde die Information an der Öffentlichkeit etwas nützen.“

„Ja aber was genau nützt es ihnen?“

„Chaos – denke ich. Uns als unfähig darstellen, das macht die Presse doch eh am liebsten. Einfach für Unruhe sorgen.“

„Ja das sind die Folgen des Artikels aber was ist der benefit für sagen wir zum Beispiel Kurat?“, hackte Valerie nochmal nach. Erneutes Gemurmel.

„Keine Ahnung. Kurat sieht nicht für mich eh nicht wie einer aus, der für das was er tut gute Gründe braucht. Ich denke, dass er uns damit ärgern kann, reicht schon.“

„Was ist wenn wir was übersehen?“

„Was denn Valerie? Was übersehen wir?“

„Wenn ich das wüsste würden wir es ja nicht übersehen.“

„Vielleicht übersehen wir ja auch nichts und du interpretierst zu viel da rein.“

„So finden wir den echten unsichtbaren Kölner nie.“
In diesem Moment klopfte es an der Tür und der neue Auszubildende Tobi steckte den Kopf in den Raum: „Kommissarin Wolf jemand dringendes wartet auf sie in ihrem Büro. Er sagte sie wüssten Bescheid.“
„Gar nichts weiß ich. Hat er sich vorgestellt?“
„Nein.“
„Und nachfragen wäre ja auch nicht die Aufgabe eines Polizeiauszubildenen?!“
„Tut mir Leid.“
„Na gut. Wir waren eh so weit schon fertig. Wir lassen uns von diesem Blödsinn nicht spalten. Es ist zwar nicht durch unsere Pressestelle an die Medien gelangt, aber jetzt ist es zumindest raus. Karsten du fragst freundlich beim Anwalt nach und die anderen: Ran an die Arbeit in der Stadt läuft buchstäblich ein Serienmörder rum.“
Mit diesen motivierenden Worten verließ Limpa den Konferenzraum und machte sich auf den Weg zu ihrem Büro. Sie fragte sich welcher mysteriöse Mann sie aufsuchte, vielleicht stellt sich ja der unsichtbare Kölner freiwillig, weil er keine Lust auf einen Trittbrettfahrer hat. Sie musste schmunzeln.

„Was machst du denn hier?“, platzte es aus ihr heraus als sie Adam gemütlich in ihrem Sessel sitzen sah.
„Auch schön dich zu sehen.“, waren die ersten Worte die sie von ihm nach Wochen zu hören bekam.
„Adam ich arbeite. Ich hab keine Zeit für so was. Hättest du nicht anrufen können? Oder mich zuhause besuchen können?“
„Ich muss meinen Flug erwischen, aber ich wollte vorher noch persönlich mit dir reden, anders ging es nun mal nicht.“
„Flug? Wohin?“
„Venedig. Ich fliege nach Hause Eva.“

„Was ist mit deinem Haus?“

„Wird zu einer Galerie für neue Künstler umgebaut.“
„Fliegst du für immer?“
„Ja. Ich versuche mein Glück jetzt dort. Ich brauche einen Neuanfang.“
„Und das ist die Trennung von deinem alten Leben?“
„Ja, wenn du es so sagen willst. Limpa ich habe dir unendlich viel zu verdanken. Ich habe dich wirklich wahrhaftig geliebt. Aber die letzte Zeit in der ich so gehadert habe, wie du weißt, verbinde ich zu stark mit dir, weil du immer präsent warst, was gut war, aber ich brauche Abstand davon. Ich brauche was neues, neue Leute, neue Orte, ein neues altes Zuhause.“
„Du hast Recht Adam. Es wird das beste für uns beide sein. Ich will dir auf deinem künstlerischen Weg nicht im Weg sein. Ich wünsche dir alles gute.“, sie überwand sich zu einem lächeln, hinweg über die glasigen Augen.
„Ich wusste du würdest es verstehen. Danke. Danke Eva für alles.“
Ein letztes mal umarmte er sie und ein letztes mal sog sie seinen so vertrauten, geliebten Duft ein und ein letztes mal küssten sie sich fest und dennoch sanft auf die Lippen, lösten sich nur langsam voneinander. Adam blieb noch eine ganze Weile in der Tür stehen und schaute sie an bevor er schließlich mit einem „Lebe wohl!“ den Raum verließ.
Limpa ließ sich in ihren Stuhl fallen und stieß einen lauten Seufzer aus. Sie dachte über ihr Leben nach: Eine fünfunddreißig jährige Polizeikommissarin auf der Suche nach einem Serienkiller, frisch getrennt von einem aufstrebendem Künstler, nach nicht mal vier aber dafür sehr intensiven Monaten Beziehung, eine Scheidung schon hinter sich, aber keine Kinder. Und so wirklich wollte Olimpia auch nie welche haben. Seit sie mit Adam zusammen war, kannte sie nichts anderes mehr außer ihm. Andere Leute traf sie nur auf seinen Ausstellungen und auf der Arbeit, wobei sie schon vorher kein ausgeprägtes Sozialleben hatte. Deswegen schien es niemanden aufzufallen, dass sie sich mehr und mehr abkapselte. Nichtsdestotrotz waren die letzten vier Monate mit Adam die glücklichsten ihres Lebens gewesen, selbst mit dem unsichtbaren Kölner im Nacken. Und nun – nun ist dieses Glück vorbei – endgültig.

Es ist kalt geworden und trostlos in Köln. Die Weihnachtsmärkte wurden aufgebaut und die sale-Schilder in den Vitrinen aufgestellt, Dutzende Polizisten streiften durch die Innenstadt. Man ließ sich nicht anmerken, dass die Stimmung bedrückt war. Die rheinische Frohnatur lässt sich nicht so schnell unterkriegen. Seit der Festnahme von Kurat sind ungefähr vier Wochen vergangen und in dieser Zeit sind keine weiteren Frauen verschwunden, trotzdem wartete man noch mit dem Aufatmen – man hatte gelernt sich nicht zu früh zu freuen.
Gabriel ließ sich mithilfe alter Freunde in die JVA einschleusen, um mit Kurat ohne Anwalt und Kameras sprechen zu können. Kurat wurde rein gebracht, Gabriel saß schon am Tisch. Selbst in dieser Situation konnte sich der in Handschellen gelegte sein Grinsen nicht verkneifen, blieb aber Stumm.
„Bekommst du hier die Nachrichten mit?“, fing Gabi an nachdem er ihn eingehend gemustert hatte.
„Und wie.“, Kurat lehnte sich zurück.
„Hervorragend. Hast du diese Info gestreut?“
Er lachte: „Wer weiß.“
„Also ja. Aber ich bin heute hier um mit dir über etwas anderes zu reden.“
„Spannend!“
„Inwiefern steckst du mit dem echten unsichtbaren Kölner unter einer Decke?“
„Sie erwarten doch jetzt keine Hilfreiche Antwort oder? Denn entweder ich stecke nicht mit ihm unter einer Decke – dann hat sich alles erledigt. Und wenn doch, wieso sollte ich ihnen etwas sagen?“
„Die Leiche die wir zusammen mit dir im Wald gefunden haben, hast nicht du getötet, sondern aus dem Krankenhaus mitgehen lassen. Bis jetzt habe nur ich diese Info, deswegen ist auch bisher noch niemand gekommen.
„Wie aufregend Herr… ehm…“
„Geht dich ein Scheiß an.“
„Ja dann ist die Leiche geklaut und weiter? Was ändert das?“
„Die Leute stempeln mich oft als doof ab aber zu unrecht. Ich glaube der echte unsichtbare Kölner hat dich beauftragt die Schuld auf dich zu nehmen. Ich habe nämlich ein bisschen recherchiert und durch die Unachtsamkeit der Sekretärin deines Anwalts kenne ich deinen Namen. Ja ganz richtig gehört Nicolai Smirnow. Und ich weiß, dass du in St. Petersburg als Schauspieler angefangen hast und dann für drei Monate in die Geschlossene kamst, weil du ein klein wenig verrückt bist. Meiner Meinung nach schon etwas riskant einem Verrückten anzuvertrauen seinen Arsch zu retten. Ich frag mich auch für welchen Preis du das alles auf dich genommen hast.“
„Ich bin nicht verrückt!“, rief Nicolai, zum ersten mal sah man so etwas wie menschliche Züge in seinem entgleisten Gesicht.
„Doch, genau deswegen wählte er dich aus. Er brauchte einen Sündenbock und etwas Zeit um sich in Sicherheit zu bringen, also engagierte er einen jungen erfolglosen Schauspieler für vermutlich viel Geld, der eine Leiche in den Wald bringen sollte – von dem wir ja schon wussten. Dieses trojanische Pferd sollten wir dann ohne zögern fangen und eine ganze Weile mit dem öffnen beschäftigt sein, um dann herauszufinden, dass alles nur eine große Verarsche war.“
„Sind sie stolz auf ihre Verschwörungstheorie?“, Nicolai hatte sich wieder gefasst.
„Gib es doch einfach zu! Ich habe dich und ich habe Beweise.“
„Beweise? Meinen Namen oder was? Was beweist das schon? Das sind Höchstens Indizien – vor Gericht bringt das doch nichts.“
„Deswegen bin ich hier, damit du deine Aussage machst.“
„Wieso sollte ich?“
„Ich habe immer noch die Leiche – das ist ein menschengroßer Beweis. Plus die Lügen die du uns erzählt hast, dass du der Mörder der Frauen warst, bringen dir bestimmt ein paar Jahre hinter Gitter. Aber wenn du mir verrätst wer der unsichtbare Kölner ist, kommst du mit einer Bewährungsstrafe davon.“
„Erzählen sie mir doch keine Märchen!“
„Du glaubst gar nicht mit wie vielen Richtern ich am Wochenende noch ein Kölsch trinken gehe und wie viele mir noch eine Gefallen schulden.“
„Und wenn schon.“
„Denkst du er wird dir irgendwie dankbar sein für deine Loyalität und ihr reitet zusammen in den Sonnenuntergang? Spätestens bei der Geldübergabe – egal wie er es anstellen wird – kriegen wir ihn. Und dann kommt ihr beide ins Gefängnis. Und ich bin mir sicher, er wird dich fallen lassen wie eine heiße Kartoffel und alles auf dich schieben.“
„Das möchte ich erleben.“
„Idiot. Also sagst du nichts?“
„Ich kann ihnen vieles sagen nur nicht das was sie wissen wollen.“
Gabi stand auf und ging zur Tür. „Aber eins muss ich dir lassen, deine Rolle hast du gut gespielt.“
„Ihr werdet ihn nie kriegen.“, Nicolai lachte.

 

letztes Kapitel                                                                                                       Fortsetztung folgt…

 

krimi zwischendurch – kapitel 7: weißer schnee auf schwarzem untergrund

„Aber wie? Wie kann das sein? Und was hat das zu bedeuten?“, stammelte sie.
„Die Ergebnisse kamen heute morgen rein, wurden zweimal überprüft, Karsten hat mich sofort angerufen und seitdem sitze ich hier und drehe mich auf meinem Stuhl und weiß nicht mehr weiter.“
„Aber du hast ihn doch im Wald, beim Verbrennen, auf frischer Tat … er hat doch alles gestanden…“, man sah förmlich die Fragezeichen im Olimpias Augen wachsen, „aber… wir hatten ihn doch.“
„Ich werde ihn gleich nochmal befragen, ich warte nur noch auf die Rückmeldung von seinem Anwalt. Kommst du mit?“, Limpa reagierte nicht, „Ob du mitkommst?“, wiederholte sie.
„Was?“, Limpa erschrickt.
„Ich frage ob du mitkommst ins Gefängnis, um Kurat zu befragen.“
„Ja natürlich. Entschuldige mich.. ich .. ich bin nur…“
„Ja ich weiß. Ich auch.“

Valerie und Olimpia saßen in einem muffigen, kleinen Raum in der JVA Köln, gegenüber der Anwalt von Kurat – er selbst wurde erst später rein gebracht. Er grinste übers ganze Gesicht.
„Du weißt warum wir hier sind?“, fragte Olimpia.
„Guten Morgen Kommissarin Topika, ich freue mich sehr sie Wiedersehen zu können. Ich wollte ihnen eigentlich schon viel früher zu ihrer gelungenen Arbeit gratulieren, aber man ließ mich nicht, wie sie sicher wissen.“, er strahlte sie an.
„Was bist du? Ein Trittbrettfahrer oder ein geisteskranker Fan oder sein Komplize? Was bist du?“, Valerie war bestimmt und laut und deutlich.
Sein Grinsen wurde breiter: „Ich frage mich, was die Presse schreiben wird, wenn sie raus finden, dass ich gar nicht ihr Liebling bin.“
„Beantworte die Frage!“, Valeries linkes Auge zuckte.
„Alles mit der Ruhe. Haben wir etwa nicht genug Zeit? Ich wollte doch noch so gerne mit ihnen plaudern, Kommissarin Topika. Verraten sie mir, wie sie hinter den Platz im Wald gekommen sind? Vielleicht kann ich ja noch was von ihnen lernen.“
„Arbeitest du mit ihm zusammen?“, hackte sie nach.
„Aber diesen Meistertrick haben sie doch sicher nicht alleine geschafft oder etwa doch?“, kurzes Schweigen, „Und wie ihre Kollegen mich auf dem Weg vom Wald zum Auto eskortiert haben – das war schon sexy. Geben sie das auch den Beamten weiter. Die haben alle tolle Arbeit geleistet.“
„Du willst es also nicht auf die nette Tour?! Behinderung der Justiz, sich unter falschen Identität ausgeben, Mithilfe, Vertuschung, Deckung eines Kriminellen, vielleicht sogar Mord. Du wird für eine sehr lange Zeit hinter Gitter kommen, wenn du nicht schleunigst deine kooperative Seite zeigst, Kurat. Vor allem wie ist eigentlich dein wirklicher Name? Den wissen wir immer noch nicht.“, Valerie lehnte sich bei jedem Wort weiter nach vorne über den Tisch.
„Warten sie – und sie können meine Strafe mildern? Kann sie meine Strafe mildern?“, er drehte sich zu seinem Anwalt. Der schmunzelte und schüttelte ganz leicht den Kopf.
„Kann sie also nicht…“, er wirkte keineswegs enttäuscht.
„Nicht auf direktem Wege, aber wir können was aushandeln.“, unterbrach Limpa ihn.
„Wir sind in keinem billigen Ami-Krimi, meine Damen – ohne Beweise ihrerseits sage ich nichts.“
„Wer gibt mir die Garantie, dass du dann was sagen wirst, wenn du überhaupt etwas weißt?“, Valerie lehnte sich im Stuhl zurück und guckte kurz zu Limpa, deren Augen flackerhaft hin und her sprangen.
„Richtig Kommissarin Topika, die Garantie kann ihnen keiner geben, es geht um vertrauen.“, er grinste und blickte zum Anwalt rüber, der ihm deutete dieses sein zu lassen, „Entschuldigt mich, vielleicht bin ich ja auch zu gut drauf. Euch ist wahrscheinlich nicht nach lachen zu mute.“
„Ich frage dich ein letztes mal! Was bist du? Wer bist du? Kennst du den unsichtbaren Kölner?“, Valerie machte unter dem Tisch eine Faust und presste sie fester und fester zusammen.
Er lachte lautlos.

Es gab keine bunten Farben mehr. Weißer Schnee auf schwarzem Untergrund. Erschöpft und immer noch verwirrt kam Limpa nach dem misslungenen Verhör nach Hause. Adam war zur Abwechslung nicht da. Sie betrat das Wohnzimmer und mitten im Raum stand seine Staffelei, mit einem noch nicht fertigen Bild darauf. Olimpia trat näher und betrachtete es für einige Sekunden, sie erinnerte sich, dass Adam immer vom Licht sprach, wenn man malt oder sich das Bild auch einfach nur anschaut. Sie schaltete die Deckenlampen aus und ließ das natürliche Tageslicht, wovon nicht mehr viel übrig war, das Bild ausleuchten. Es wirkte düster und nachdenklich. Abgebildet war der Blick aus dem Wohnzimmer; der Wald hinten und das karge, trostlose Feld vor dem Haus. Die Farben die er benutze, die harte, zackige Technik, die er verwendete, ließen Limpa schließen, dass irgendwas nicht stimmte. Der schwarze, unfruchtbare Boden, der kaputte, zerrüttete, dunkelbraune, fast schwarze Zaun, am Ende des Felds, der tief-dunkelgrüne Tannenwald ganz hinten; der Pinsel wurde bei jedem Strich fest aufgedrückt, doch mit dem Finger etwas verwischt, sodass es gleichzeitig verschwommen aussah. Der Himmel, welcher nur einen Bruchteil des Bilds stellte, war zwar im Vergleich zum Rest der Farben hell aber dennoch wirkte dieser dreckig – ein dreckiges, modriges durchgängiges grau. Als wären die Farben die unten benutzt worden sind, nicht vom Pinsel abgewaschen worden und sind auf den Himmel übergegangen. Der Himmel wirkte so, als wäre er zum Schluss gemalt worden, unordentlich oben drüber gepinselt, damit es zu einem Ganzen wird.

Wie lange kann ich mich noch verstecken? Wie lange kann ich mich noch unter Kontrolle halten? Mein Platz im Wald haben sie schon, ich muss mir irgendwas anderes suchen, wo ich meiner Obsession nach kommen kann. Doch werden sie mich auch dieses mal finden? Nein, das werden sie nicht. Ich muss mir was konsequenteres einfallen lassen, sie sollen den unsichtbaren Kölner vergessen. Aber ich muss wieder anfangen, ich kann das Verlangen nicht mehr kontrollieren, nicht mehr in anderes kanalisieren. – Vor allem will ich das auch gar nicht mehr. Ich will mich nicht mit irgendwelchen Belanglosigkeiten zufrieden geben, wenn ich doch so ein Verlangen habe, welches ich ausleben sollte. Die Stimmen in meinem Kopf lassen mich nicht mehr in Ruhe. Sie sagen mir, ich soll wieder auf die Piste – aber es ist noch nicht sicher, sage ich ihnen und sie sagen, es wäre egal. Ich muss hier erst mal weg. Dieser Alltag macht mich noch wahnsinnig.

„Valerie was ist?“, sie seufzte.
„Freut mich auch von dir zu hören Olimpia.“
„Ich dachte nur vielleicht ist schon wieder was passiert.“
„Nicht direkt.“, Valerie zögerte.
Limpa setzte sich mit dem Handy auf das Sofa.
„Mach kein Geheimnis daraus.“
„Na die Presse fragt nach Neuigkeiten, weil seit zwei Tagen nichts mehr kam.“
„Die Presse ist mein geringstes Problem. Wir sagen erst mal nichts. Wir haben auch erst mal nichts. Wir wissen doch selber nicht was das alles zu bedeuten hat. Und solange wir nichts genaues wissen, braucht die Presse erst recht nichts zu berichten. Sonst werden sie in ihrer Annahme nur noch bestärkt.“
„Welche Annahme?“
„Dass wir unfähig sind. Die unfähigen, kölner Beamten, schrieb der Kölner Stadtanzeiger.“
„Papalapap. Gut, ich sag dann.. was sage ich denen?“
„Gar nichts – keine Antwort.“
„Fühlt sich irgendwie falsch an.“, gab Valerie leise von sich.
Adam kam rein.
„Sollen die Leute wieder Panik bekommen?“, rief sie fast in den Hörer.
Adam wirkte überrascht und hauchte ‚Panik?‘, Limpa schüttelte nur mit dem Kopf und winkte ab.
„Gut, ich muss jetzt auflegen. Adam ist da. Wir sehen uns morgen. Geh nach Hause Valerie. Ruh dich ein paar Stunden aus.“

Limpa drehte sich um, da stand Adam schon hinter seiner Staffelei und malte wieder.
„Du hast freiwillig das Haus verlassen?“
„Ich war spazieren.“, antwortete er.
„Spazieren?! Du?! Du warst spazieren?!“, Limpa konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.
„Ja, lass mich doch!“
„Ich lasse dich sehr gerne, aber trotzdem.“
„Auch ein Künstler von Gott braucht Inspiration.“
Limpa ging zu ihm und wollte ihn küssen, doch er malte einfach weiter. Ignorierte sie einfach, er war wieder im Tunnel. So ging das die nächsten Tage weiter: Er hing an diesem Bild, tagelang und bekam es nicht fertig, fügte mehr und mehr Details hinzu, war nie Zufrieden. Einmal erwischte Limpa Adam am offenen Fenster, in den Händen das Bild, er drohte es jede Sekunde fallen zu lassen. Die Vernissage im Haus musste verschoben werden. Limpa fragte ihn andauernd, was es mit diesem sonderbaren Bild auf sich hat, aber Adam schwieg, so wie auch sonst immer, wenn Limpa ihn etwas fragte. Er redete kaum noch. Malte nur noch an dem Bild, wobei man das nur noch schwer malen nennen konnte: er stand stundenlang davor, bewegte sich nicht, starrte es an und irgendwann nahm er seinen Pinsel in die Hand, tauchte ihn in Farbe und stand wieder eine ganze Weile regungslos da, bis er sich schließlich überwinden konnte einen Strich zu setzten, fluchte dann, weil es schlecht geworden ist und dann fängt alles wieder von vorne an. Limpa wurde ja gewarnt, dass es mit einem Künstler nie einfach ist – aber an so was hat sie nicht im entferntesten gedacht. Wenn Limpa ihn auf die Situation ansprach sagte er nur: „Siehst du nicht was ich mache ? Ich male, also störe mich nicht. Und mach die Tür zu wenn du gehst!“
Neuerdings malte er nicht mehr im Wohnzimmer, sondern in seinem Kunst/Galeriezimmer (was er normalerweise nutzte um seine fertigen Bilder dort abzustellen). Um ihn herum waren alle Bilder, die riesigen, schon bemalten Leinwände aufgestellt, bunte Farben, abstrakte Figuren lachten ihn an und in der Mitte er mit seinem – im Vergleich zum Rest – sehr düsteren, nicht-fertig-werden-wollenden Bild.
„Willst du nicht mal ne Pause machen? Dann können wir reden. Du machst ja nichts anderes mehr, isst nichts, schläfst nicht, gehst nicht mal auf Klo.“
„Ich brauche keine Pause. Ich muss fertig werden.“
Und wenn man ihn fragte wie es sein kann, dass er doch plötzlich mit seinen fertigen Bildern im gleichen Raum sein konnte, so sagte er sie geben ihm Energie. Limpa war verzweifelt – offensichtlich. Sie wusste, dass sie nichts falsch gemacht hat; sie wusste auch, dass Adam etwas bedrückte, aber sie wusste nicht wie sie ihm helfen konnte, also fasste sie eines Tages einen Entschluss: „Adam, ich weiß du willst nicht mit mir reden. Das ist jetzt auch wahrscheinlich das letzte was du für eine Weile von mir hören wirst. Ich wollte nur sagen, dass ich zurück in meine Wohnung gehe, weil ich denke, dass du Zeit für dich brauchst und ich kann dir dabei auch nicht mehr länger zusehen. Jedenfalls ich liebe dich Adam und wenn du mich brauchst bin ich für dich da, ich weiß jetzt einfach nicht was ich noch für dich tun kann. Das ist keine Trennung, außer du willst das, das ist ein Auf Wiedersehen.“

 

letztes Kapitel                                                                                                                               Fortsetzung folgt…