loader image

Die Abenteuer von Barnabas dem Gefährlichen und Emi Erdbeer Episode 1: Treffen der anonymen Superhelden

An einem verregneten Donnerstagnachmittag in L.A. saßen die verschiedensten und ungewöhnlichsten Superhelden der Umgebung in einem Stuhlkreis in einer alten unbenutzten Sporthalle. Unter ihnen war unter anderen Wolverine, Flash, Hulk, Superman und Captain America – sowie Barnabas der Gefährliche und Emi Erdbeer. Die Superhelden erzählten von ihrem schweren Alltag und wie es ist die Anonymität konsequent zu wahren und nicht am Narzissmus zu zerbrechen. Alle Anwesenden waren sehr aufgeschlossen, ehrlich und nahmen die Veranstaltung ernst. Nur Emi und Barnabas (die sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht kannten) schwiegen die ganze Sitzung über und lauschten demütig den Erzählungen der großen Helden, verloren keinen Mucks und verkniffen sich zwischendurch ein Kichern. Nach dem unglücklichen ersten Treffen bei den ASH (anonyme Superhelden) bedienten sich unsere Hauptfiguren, wie auch alle anderen, am Keks- und Chips-Büffet. Als Barnabas schon alle Chips leer gefuttert hatte und sich gerade auch noch den letzten Keks greifen wollte, reichte es Emi endgültig und sie hielt die Zeit an.

Das ist ihre Superkraft – die Kontrolle über die Zeit. Mit Hilfe einer Armbanduhr, die in fremden Händen bloß eine Uhr ist, ohne die Emi aber machtlos ist. Mit der Uhr ist sie aber fast unbesiegbar. Sie kann (wie wir gerade gelesen haben) die Zeit anhalten, vor- und zurückspulen, in Zeitlupe oder Superspeed ablaufen lassen. Das Gute ist – sie kann nur spulen – nicht durch die Zeit reisen – das macht einen großen Unterschied, da so kein Riss im Raumzeitkontinuum entstehen kann. Ursprünglich kommt Emi vom Planeten Enero (sowie Barnabas auch), wegen einem Krieg auf Enero kamen beide mit Umwegen zur Erde. Und wurden hier beide im zweiten Weltkrieg als Kriegswaffen ausgenutzt – wie ironisch. Emi wurde von den Sowjets gefangen genommen und sollte strategisch die Zeit anhalten, damit die rote Armee vorrückten konnte, während der Feind stillstand.

Zurück in der miefigen Sporthalle entzog sie Barnabas den letzten Keks, während er als einziger im Raum in der Zeit stillstand. Triumphierend stellte sie sich hinter ihn, schubste ihn an, sodass er vorne über fiel und ließ die Zeit für ihn laufen. Barnabas fiel nach vorne, ruderte mit den Armen aber rettete sich noch in letzter Sekunde mit seiner Superkraft – Telekinese.

Barnabas kann Objekte, sich selbst und andere Personen frei bewegen, sogar fliegen lassen. Das schwerste was er mal bewegt hat, war der Mond, weil die Amis ihn im Krieg darum gebeten haben, das sollte Ebbe und Flut so verschieben, dass sie dadurch taktische Vorteile gegenüber den Nazis hatten. Ja auch Barnabas Kräfte wurden für den Krieg missbraucht, aber er tat dies freiwillig, weil er von Zuhause wusste, wie scheiße Krieg ist, und so wollte er diesen wenigstens auf der Erde aufhalten. Auf Enero war das schon zu spät – da schoss die Nihil-Gruppe eine Wasserstoffbombe auf das Optimic-Gebiet – mitten in einen aktiven Vulkan und der ganze (man muss dazu sagen kleine, mit nur zwei Ländern) Planet explodierte. Barnabas Vater, der zur Optimic-Gruppe gehörte, war während des Kriegs Spion bei den Nihilianern und konnte so einige durch seine Warnung retten. Aber nur wenige konnten fliehen – ich meine wer hat mal eben so ein Raumschiff, was schnell genug ist. Sein Vater hat es nicht geschafft sich in Sicherheit zu bringen, doch Barnabas Mutter und seine Schwester leben jetzt auf Panudu – ein malirischer Ort mit wilden Pflanzen, die alles überwuchern. Barnabas hielt es aber nicht lange an einem Ort aus, er wollte das Universum erkunden – das Universum eine gigantische Schale an unterschiedlichsten Planeten mit jeder Menge Leben.

„Was soll das?“, rief er als er wieder fest mit beiden Füßen auf dem Boden stand.

„Du hattest schon genug. Lass den anderen auch noch was übrig als Trost für diese schreckliche Sitzung.“, antwortete Emi. Woraufhin Barnabas meinte, sie müsse ja nicht hier ihre Zeit verschwenden. Was er nicht wusste war, dass Emi natürlich nicht freiwillig hier war, sondern auf Rat ihrer Therapeutin, die es für richtig hielt, ihr Kriegstrauma in Gruppensitzungen zu überwinden. Wie der Zufall (ob es wirklich Zufall war, erfahrt ihr in Episode 4) es will, war Emis Vater Präsident der Nihilianer, er war für die Bombe verantwortlich. Selbst brachte er sich und seine Liebsten in einem Raumschiff in Sicherheit und löschte einfach so einen ganzen Planeten aus – wegen ein paar Rohstoffen – klassisch. Die durch und durch pazifistische Emi hielt es mit so einem größenwahnsinnigen Vater nicht aus und rutschte direkt in die Arme(e) der Sowjets. Sie wusste, dass sie sich nur verteidigten, dennoch wollte sie mit Krieg nichts zu tun haben – zu tief war die Narbe vom dreijährigen Krieg, inklusive planetenzerstörerischer Bombe – so ließ sie sich nichtsdestotrotz halb freiwillig, ohne zu wissen wo sonst hin und halb gegen ihren Willen gefangen nehmen.

„Wie hast du das eigentlich vorhin gemacht?“, fragte er, als Emi fertig mit kauen des Kekses war.

„Einem Baby den Schnuller stehlen? Nichts leichter als das!“, sie drückte einen Knopf auf ihrer Uhr und alles um sie herum hörte auf zu plappern und sich zu bewegen. Emi ging, gefolgt von Barnabas überraschten Augen, zu jedem Superheld und biss in jeden ihrer Kekse rein. Barnabas seinerseits war beeindruckt, ließ die kleine Vorführung aber nicht auf sich sitzen. Er wiederum ließ alle Kekse nacheinander in seinen Mund fliegen. Emi wollte nach einem greifen, konnte aber nicht – er hatte sie mit seinen Kräften bewegungsunfähig gemacht. Sie konnte nicht sprechen, geschweige denn mit den Augen blinzeln oder auch nur schlucken – Atmen ging somit auch nicht. Er ging nun, nachdem er alles verspeist hatte, langsam auf sie zu, ganz nah trat er an sie ran, hauchte sie an und ließ mit einer eleganten Hangbewegung eine Strähne aus ihrem Gesicht fliegen. Barnabas grinste.

„Bist du komplett bescheuert?!“, sie fasste sich an den Hals und rang nach Luft, nachdem er sie wieder ließ.

Immer noch stand die Zeit still. Emi setzte sich auf den Boden und packte eine Rolle Mentos aus ihrer Jeansjacke. Ganz kokett schob sie einen nach dem anderen in ihren Mund. Sie schaute Barnabas dabei nicht an. Hatte ihn aber definitiv im Blick. Er aber setzte sich ihr direkt gegenüber – provokant wie ich ihn kenne und wie ihr ihn kennenlernen werdet. Er trug schwarze Jeans und T-Shirt mit einem rot-blauen Aufdruck, die schwarzen kinnlangen Haare trug er lässig zu einer Seite fallend. Stille. Er beobachtete Emi aufmerksam. Sie hatte lange blonde Haare und unter der erwähnten Jeansjacke, trug sie ein weißes T-Shirt mit vielen kleinen Erdbeeren eingestickt, dazu einen roten Tellerrock und Vans.

„Und jetzt?“, Barnabas brach schließlich nach ein paar Minuten das Schweigen – diese schon fast gruselige Stille. Emi schmatzte gelassen auf ihren Mentos weiter und sagte er dürfe ruhig gehen, sie hält ihn nicht ab. Chapeau, dachte sich Barnabas. Er flog bis kurz unter die Decke und war dabei ein großes Fenster der Turnhalle aufzubrechen.

„Was tust du?“, rief sie ihm zu.

„Ich verpiss mich. Hast doch selbst gesagt, ich kann gehen.“

„In dem Fall fliegen. Aber das war ja keine Aufforderung. Kannst auch bleiben.“

„War das eine Aufforderung?“

„Das war eine Einladung.“

Barnabas schmunzelte. Sie ließ ihn nicht aus den Augen, bis er wieder vor ihr gelandet war, um dann im letzten Augenblick ihr Gesicht beschämt wegzudrehen.

„Ich glaube wir sind uns sehr ähnlich.“, sagte er, mittlerweile im Schneidersitz Emi gegenüber angekommen. Sie schaut ihn an. Die Zeit steht buchstäblich still. Barnabas stibitzte sich mit Hilfe seiner Kräfte ihr letztes Mentos, sie machte keinerlei Regung, sagte lediglich: „Das glaube ich auch.“

„Wo kommst du her Emi Erdbeer?“

„Enero. Und du?“

„Ich auch.“, sagte er verblüfft.

„Was? Wie kann das sein? Du musst einer der Optimic-Gruppe sein.“

„Ja. Woher weißt du das?“

„Weil von den Nihilianern nur zwanzig überlebt haben. Und die kenne ich alle persönlich. Es ist meine Familie. Die Familie vom scheiß Präsidenten.“, Emi wusste selbst nicht, warum sie Barnabas bei ihrer ersten Begegnung schon solche Details erzählte, aber es fühlte sich so an, als würde sie ihn schon ewig kennen. Als wäre er ihr verlorenes Teil. Obwohl die beiden zwei verfeindete Länder und ein Krieg trennten.

„Ich habe auch nur überlebt, weil mein Vater zur Zeit des Krieges Spion war und uns rechtzeitig warnen konnte.“

Scheint so als würde Barnabas Emi auch vertrauen.

„Wie heißt du überhaupt und warum musst du kein scheiß Namensschild tragen?“

„Barnabas. Und heute ist nicht meine erste Sitzung.“

„Hat dein Vater es noch geschafft?“

„Nein.“, antwortete er knapp.

„Das tut mir leid. Mein Vater leider schon.“

„Warum leider?“

„Weil er Präsident ist … war, der den ganzen Planeten gesprengt hat, verdammt nochmal, auf

dem er sein Land regiert hat – in dem ich aufgewachsen bin. Und wofür? Für ein bisschen

Schöpsulin.“ (damit gewannen die Bewohner von Enero Strom)

„Das tut mir leid.“

 

Sie redeten noch weiter und erzählten sich von ihren Kriegserfahrungen, vom Leben in Nihil bzw. Optimic und wie sie ihre Kräfte bekommen haben. – Das erzähle ich euch ein ander‘ mal. Zur Einordnung und Brechung der traurigen Stimmung ein paar Daten: Emi und Barnabas waren beide zufällig fünfundzwanzig Jahre alt, als sie ihre Kräfte bekommen haben, zwei Jahre später explodierte Enero. Emi kam nach drei Wochen, Barnabas nach einem Jahr auf die Erde – zur Zeit des zweiten Weltkriegs. Als dieser zu Ende war, verließen beide für einige Jahre die Erde, kamen aber beide wieder zurück und lebten als verstoßene Superhelden/Kriminelle, mit doch aber einer kleinen Fanbase in L.A. – und das alles, ohne sich zu begegnen. Na gut Barnabas verließ schon noch ab und zu den Planeten, während Emi versuchte mit ihren Traumata fertig zu werden. Und ehe man sich versah, hatten wir Sommer 2018 – ihr fragt euch bestimmt, ob Emi und Barnabas jetzt nicht steinalt sein müssten. Ja natürlich sind sie das, aber man sieht es ihnen nicht an. Seitdem sie ihre Kräfte haben, sind sie nicht gealtert: Emi beherrscht die Zeit, durch einen Trick hat sie auch ihre biologische Uhr ausgetrickst und Barnabas beherrscht Telekinese so gut, dass er seine Zellen so manipulieren kann, dass sie sich so langsam erneuern, dass er fast nicht älter wird. Doch irgendwann (was noch sehr lange dauern wird) kann er diesen Trick nicht weiter ausführen. Heißt, irgendwann kann er seinen Tod nicht mehr hinauszögern – das macht ihm Angst. Er spricht aber nicht darüber, weil sein Image ja gefährlich ist.

Nun nach diesem ersten schicksalshaften Treffen, trennten sich die Wege von unseren beiden Außerirdischen nicht. Sie trafen sich öfter und redeten über Enero, über das Leben, über das Universum und seine unendlichen Weiten. Ab und zu raubten sie eine Bank aus; und ab und zu retteten sie Kinder aus brennenden Häusern; und ab und zu tanzten sie im Regen und aßen danach Pommes; und ab und zu saßen sie im Gerichtssaal und verteidigten einen unschuldigen Pechvogel; und ab und zu schrieb Emi auf worüber sie mit Barnabas sprach; und ab und zu sang Barnabas Emi etwas vor. So verging der Sommer – irgendwie rasend schnell aber irgendwie auch in Zeitlupe (Emi hatte ja immer noch ihre Uhr). Das Wetter in L.A. war angenehm heiß, Barnabas und Emi waren sorgenfrei. „Weißt du, ich frage mich oft was uns noch alles im Universum erwartet. Außer der Erde und Enero gibt es noch so viel was wir nicht wissen, nicht gesehen haben. Ich würde das so gernealles entdecken. Geht es dir auch so?“, Emi schaute Barnabas an und wartete auf seine Antwort. Sie saßen auf einer großen Mülltonne auf einem Parkplatz. Die Sonne ging gerade unter. Der Himmel verfärbte sich pink-orange-lila. Emi hatte die Zeit genau in diesem Moment angehalten, als eine Mutter samt Kinderwagen vorbeikam und das Eis des circa dreijährigen Wonneproppens, mit Sommersprossen und roten Haaren, auf den Boden fiel und er schrecklich zu heulen anfing. Barnabas guckte aufs Eis, dann zum Himmel und dann zu Emi. Er nahm ihr Gesicht in seine Hände, sie warf ihm gerade noch einen fragenden Blick zu, als er sie zum ersten Mal küsste.

„Wir können das zusammen machen.“, sagte er, als er sich von ihren Lippen löste.

Und so fing alles an. Sie besorgten sich auf dem intergalaktischen Schwarzmarkt ein günstiges Raumschiff und steuerten von einem Abenteuer zum nächsten. Sie besuchten fliegende Pinguine auf Widowana, sie kämpften gegen riesige, lebendige, sprechende Bäume eine Galaxie weiter und auf den Ruf von Superman retteten sie einen Planeten vor einer Alien-Heuschrecken-Invasion (man kannte sich ja aus der Selbsthilfegruppe ASH).

Als sie eine Rast einlegten, ließen sie ihr Raumschiff reparieren und gingen selbst in eine Space-Spielunke. Sie unterhielten sich mit allen möglichen komischen Gestalten und tranken klaren Space-Kaktus-Schnaps. Der Abend wurde heiterer. Barnabas tanzte mit den Ameisianern (ja Menschengroße, sprechende Ameisen, bekannt für ihren Humor und Trinkfestigkeit). Emi hing am Tresen, bestellte sich einen Tocato-Ito (schmeckt wie O-Saft) und bekam Schluckauf.

„Yikes!“, sagte der Barkeeper (das sagt man auf diesem Planeten, wenn jemand Schluckauf hat,

heißt sowas wie ‚Vergehe!‘)

„Peresto!“ (heißt ‚Möge dein Wort Erfüllung finden!‘)

„Ich habe euer Raumschiff gesehen – sieht ziemlich mitgenommen aus. Seid ihr Piraten?“

„Nein wir sind Reisende, mit der Mission die Fragen des Universums zu lösen. Aber irgendwie sind wir ein wenig von der Mission abgekommen und trinken nur noch.“

„Fragen des Universums?“, der Barkeeper zog eine Augenbraue hoch.

„Ja. Hast du dich nie gefragt was auf anderen Planeten, in anderen Galaxien los ist? Barnabas und ich waren schon auf mindestens zwanzig Planeten.“

„Wenn ihr wirklich Antworten wollt, solltet ihr zum Space-Rathaus, wo die Regierung sitzt.

Ein Beamter war letzte Woche hier und hat mir angesäuselt erzählt, was da ab geht – spannend sage ich dir.“ (diese Geschichte erzähle ich euch in einer Sonderausgabe)

„Space-Rathaus? Wo ist das?“

„Nicht weit von hier. Kennst du Magsin?“

„Nicht wirklich, nur vom Hören.“

„Magsin ist…“, er zeigte nach links, „da schau aus dem Fenster –  hier. Der rote Ball da hinten.

„Ja sehe ich.“

„Darum befindet sich ein Meteoritengürtel, wenn ihr den überwunden habt, ist es zum Rathaus nicht mehr weit.“

wellen

blau, hell oder schwarz kommen sie

leicht oder stark treffen sie

manchmal schon vom weiten, sehe ich sie

 

an manchen tagen, aus dem nichts, (sich) überschlagen sie

an anderen tagen, ganz ruhiges verhalten, zeigen sie

dann überraschen sie

 

heftig, ohne luft holen, sind sie

stark, ohne sich wehren zu können, sind sie

 

allein, immer (wenn ich) allein, kommen sie

 

am anfang, lange blieben sie

immer noch schmerzen bereiten sie

man weiß nie, wo man gerade ist, wenn entscheiden sie

alles kann auslöser sein für sie

es gibt nichts zu tun gegen sie

man kann nur warten auf sie

 

bestimmen, tun sie

wie es läuft, bestimmen sie

wie lange, bestimmen sie

willkürlich bestimmen sie

man denkt, man hätte die kontrolle, doch bestimmen sie

 

niemals gehen sie

sie bleiben für immer

 

mit der zeit wird es einfacher mit ihnen

es kommt vor da trösten sie

Sie

die wellen

Schmerz

„An Amor!

Erlogen ist das Flügelpaar,

Die Pfeile, die sind Krallen,

Die Hörnerchen verbirgt der Kranz,

Er ist ohn‘ allen Zweifel,

Wie alle Götter Griechenlands,

Auch ein verkappter Teufel.“

  • Goethe, Faust

 

Warum können wir Schmerz genießen? Warum ist es einfacher traurig zu sein, als glücklich zu sein? Wieso können wir uns das so leicht einreden? Warum suhlt man sich im Selbstmitleid und fühlt sich stark dabei? Wieso können wir uns selbst bewusst manipulieren? Wieso können wir uns selbst zerstören? Lieben wir uns selbst so wenig?

„[…] das asketische Ideal entspringt dem Schutz- und Heil-Instinkte eines degenerierten Lebens“ (Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, S. 366). Was hat es mit dem Schmerz auf sich? Warum tun wir uns selbst Schmerz an? „Wir sind schließlich Menschen, wir entwickeln früh Schuldgefühle, haben Angst, wenn das Glück machbar wird, und haben den Drang, die anderen zu bestrafen, weil wir uns ständig ohnmächtig, ungerecht behandelt und unglücklich fühlen. Für seine Sünden bezahlen und die Sünder bestrafen können – ist das nicht köstlich?“ (Paul Coelho, Elf Minuten, S. 208). Auch ich habe mich schon oft im Selbstmitleid gesuhlt und bewusst in diesen Zustand gebracht und irgendwann, als der Schmerz überwunden war, habe ich mich tatsächlich danach zurückgesehnt (nicht nur aus Genuss, sondern vor allem aus künstlerischen Gründen, da Kummer meine Kreativität anregt), als ich mir dann den Blödsinn aus dem Kopf geschlagen habe, habe ich mich gefragt, wieso wollte ich diese Gefühle, diesen Schmerz, genauso wie beim ersten Mal, wieder durchleben. Einige Male durchlebte ich diesen Kreislauf des Sich-nach-Schmerz-sehen-und-dann-fragen-wieso. Bis ich mir dann schließlich komplett albern vorgekommen bin. Wieso könnte jemand freiwillig so etwas tun? Ist das menschlich oder sind alle Schmerzfanatiker krank?

Zu diesem Thema, was schon lange, leise in meinem Kopf rumschwirrt, bin ich gekommen, als ich etwas über Kafka las. Kafka inspiriert mich eigentlich fast immer. Und wenn ich Kafka lese, stelle ich ihn mir immer als Autor vor, wie er nachts, es muss nachts sein, an seinem Schreibtisch sitzt und schreibt; und dann denke ich immer auch an mich, Emilia, die Autorin und sehe mich ebenso nachts am Schreibtisch sitzend und schreibend. Kafka berührt mich, wie es kein anderer Autor kann.

Ich las eine Beschreibung über Kafka von Franz Blei 1922 im ‚Bestarium der modernen Literatur‘ veröffentlicht: „‚Die Kafka‘ nun sei ‚eine sehr selten gesehene prachtvolle mondblaue Maus, die kein Fleisch frißt, sondern sich von bitteren Kräutern nährt. Ihr Anblick fasziniert, denn sie hat Menschenaugen.‘“ (Haimo Stiemer, Das Habitat der monblauen Maus, S. 127) und eine dazugehörige Kritik von Gregor Eisenhauer: „Die Erbärmlichkeit einer Kreatur, die, gefangen in einem falschen Körper, auf ihre Auslieferung an ein erbarmungsloses Schicksal wartet und im Glauben an ihre Mitschuld selbst dafür kasteit – nicht ohne Vergnügen.“ (Ebd.). Kafka ‚kasteit‘ (bestraft) sich selbst und weiter heißt es ‚nicht ohne Vergnügen‘ – es macht ihm auch noch Spaß! und da kam es über mich, und ich erinnerte mich an all die Texte, die ich las in denen der Schmerz als etwas genussvolles beschrieben wurde. Alleine schon ‚Venus im Pelz‘ von Leopold von Sacher-Masoch. In dem Text geht es um einen Mann, der von einer Frau Gewalt angetan bekommen will, weil ihn das glücklich macht. „Lieben, geliebt werden, welch ein Glück! und doch wie verblaßt der Glanz desselben gegen die qualvolle Seligkeit, ein Weib anzubeten […], die uns unbarmherzig mit Füßen tritt.“ (Leopold von Sacher-Masoch, Venus im Pelz, S. 14). Warum finden es Menschen sexuell erregend, wenn sie Schmerz empfinden? „‚Sie sehen die Liebe und vor allem das Weib‘, begangen sie, ‚als etwas Feindseliges an, etwas, wogegen Sie sich, wenn auch vergebens, wehren, dessen Gewalt Sie aber als eine süße Qual, eine prickelnde Grausamkeit fühlen; eine echt moderne Anschauung!‘“ (Ebd. S. 17). „Als ich die Demütigung und die totale Unterwerfung erfahren habe, war ich frei.“ (Paul Coelho, Elf Minuten, S. 204). In dem Buch ‚Elf Minuten‘ von Paul Coelho geht es um eine Frau, Maria, die aus Brasilien in die Schweiz kommt und dort Prostituierte wird. Ein Freier, den sie einige Male trifft, führt sie in die Welt des Sadomasochismus, „Ich sage es noch einmal: Es liegt in der Natur des Menschen. Seit wir aus dem Paradies vertrieben worden sind, erfahren wir Leid oder sehen zu wie andere leiden. Das lässt sich nunmal nicht ändern.“ (Ebd. S.190), und es gefällt ihr, es gefällt ihr Schmerzen zu erleiden, so gut, dass sie einen Orgasmus bekommt. Doch ihr Freund, nachdem sie es ihm erzählt hat, will sie davon wegbringen und redet ihr das Gefallen am Schmerz aus. Hat er recht? Nietzsche, unser liebster, meist missverstandener Nihilist meint über den asketischen Priester in seiner Genealogie der Moral: „[…] hier wird ein Versuch gemacht, die Kraft zu gebrauchen […] hier richtet sich der Blick grün und hämisch gegen das physiologische Gedeihen selbst […], die Schönheit, die Freude; während am Missraten, Verkümmern, am Schmerz, am Unfall, am Hässlichen, an der willkürlichen Einbusse, an der Entselbstung, Selbstgeisselung, Selbstopferung ein Wohlgefallen empfunden und gesucht wird.“ (Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, S. 363). Und hat er Recht? Ist Schmerz ein Teil von uns, wie Freude, Liebe, Ekel, Furcht, Unzufriedenheit? – das ist so zu fragen, ob Bono Teil der Band U2 ist. Aber warum gefällt es uns? Warum können wir uns danach sogar sehnen? Wie Elif mit ihrem neuen Album (was erst im September diesen Jahres rauskommt) ‚ENDLICH TUT ES WIEDER WEH‘. – Endlich ist der Schmerz wieder da und Elif kann darüber singen. Bringt der Schmerz uns irgendwie weiter? Kann der Schmerz etwas für uns tun, außer schmerzhaft zu sein? Ist am Ende doch nicht alles so schwarz-weiß und Schmerz ist nicht negativ sowie von uns (zum Schutz?) festgelegt? Lassen wir uns Chancen entgehen, wenn wir den Schmerz nicht zulassen? Oder sind wir dumm, wenn wir darin eine Lust empfinden können?

Ist es am Ende ambivalent?

Keine zufriedenstellende Antwort, wenn es überhaupt eine ist. Aber hier halte ich mich wie Kafka, der seine Figuren auch Fragen stellen ließ, große Fragen über das Leben, und diese auch nie eine Antwort bekommen haben (vgl. Yvonne Al-Taie, Poetik der Unverständlichkeit, S. 295).

zwischendurch 2021

Jedes Jahr denke ich, dass viel passiert ist – doch ich nichts gemacht habe, ich immer noch nicht weitergekommen bin. Drumherum wurden Entscheidungen getroffen, Zeit ist vergangen, alle sind ein Schritt weitergekommen und ich bin immer noch an dem Ort wie vor fünf Jahren. Zwischendurch sah es noch schlimmer aus und manchmal auch besser, aber insgesamt habe ich nichts erreicht. Nicht schlimm sagt ihr vielleicht. Es ist auch nicht schlimm. Wir werden nicht geboren um erfolgreich zu werden, sondern um zu leben. Aber ich bin weder erfolgreich, noch lebe ich.

 

Dann denke ich wiederum, es ist so unfassbar viel passiert, ich habe so unfassbar viel gelernt für mich persönlich. Es musste alles so kommen wie es kam und es ist ok so. Aber das ist zu wenig. Es hätte nicht viel gebraucht, aber selbst das war mir zu viel – und ich wäre weiter. Ich glaube, ich bin nicht so toll und nicht so schlau wie ich denke, bei weitem nicht. Ich glaube, ich halte zu viel von mir. Ich glaube, ich denke, ich könnte so viel mehr. Vielleicht kann ich es. Aber anscheinend nicht. Bin ich zu streng mit mir? Vielleicht nicht streng genug? Es geht nicht darum, wie alt ich bin, es geht darum, dass ich mich im Alltag sehe, und ich sehe nichts. Meine größte Schwäche ist, dass ich weder ehrgeizig noch diszipliniert noch zielstrebig bin. Und es ist ok. Ich verurteile mich nicht dafür, zumindest nicht oft. Doch wenn ich diese Eigenschaften nicht besitzen würde, wer weiß, ob ihr diese Worte nicht auf meinem Blog, sondern in meinem ersten Buch lesen würdet. Vielleicht bin ich Größenwahnsinnig. Vielleicht habe ich meinen Sinn verloren (if u know u know). Zumindest habe ich keine Energie. Jeden Tag, wenn ich aufstehe, fühle ich mich wie gerädert. Ich kann nix, denn ich mach nix und ich mach nix, denn ich kann nix, weil ich keine Kraft habe. Der ewige Kreislauf.

Ich glaube, mir geht es ganz gut doch, ich schwebe im Nichts, kurz vor dem Abschluss und beschäftige mich konsequent nicht mit den wichtigen Fragen, weil ich zu schwach bin. Ich fühle mich um einiges besser, nicht einsam aber doch meistens allein, ich muss alles allein schaffen und deshalb schaffe ich nichts. So fühlt es sich an. Eigentlich fühl ich mich gut, das denke ich zumindest und doch manchmal ist mir alles zu viel, selbst eine kleine Aufgabe.

Ich denke ich brauche eine Pause, aber wie viele Pausen kann man noch machen? Ich mache nichts anderes außer Pausen. Deswegen komme ich auch nicht weiter. Und bei allen Pausen komme ich immer noch nicht zu Kräften.

Was fehlt mir also? Ein Funke? Woher krieg ich den? Was ist das? Und sind dann alle meine Probleme gelöst? Da kann ich nur müde lachen. Warum bin ich müde? Ich tue nichts. Wer oder was gibt mir Kraft?

 

Ich glaube auch, dass viele momentan müde sind und es ist ok müde zu sein. Wie kommt man da wieder raus? Was soll man tun? Das gilt es 2022 herauszufinden. Guten Rutsch… ich wünsche euch Gesundheit, gesunden Menschenverstand und viel Kraft.

.

.

.

.

.

.

Ungefähr einen Monat später sitze ich wieder hier und schreibe diese Worte, immer noch müde. Ich war echt weinerlich… aber darum soll es jetzt nicht gehen. Ich habe in diesem Jahr mir zwei sehr engstehende und über alles geliebte Personen verloren und nicht einmal „online“ darüber gesprochen, ich bin mit meiner Trauer lieber in der Familie oder für mich – offline. Und nichts was ich hätte schreiben können, wäre ihnen gerecht geworden und den Gefühlen, die meine Familie und ich haben. Dieses Jahr kam mir vor, wie ein Jahrzehnt, weil so viel passiert ist und doch raste es in unvorstellbarer Geschwindigkeit an mir vorbei, weil so viel passiert ist und ich einfach nicht hinterherkomme. 2021 war mit Sicherheit das schlimmste Jahr für mich. Und doch denke ich, dass ich emotional stabiler bin als 2017, als es mir auch sehr schlecht ging. Habe ich mich an den Schmerz gewöhnt? Habe ich gelernt damit umzugehen? Bin ich abgestumpft? Bin ich schlicht erwachsen geworden? Ich weiß es nicht. Warum beunruhigt es mich, dass ich damit umgehen kann? – Was auch immer der Grund dafür sein mag. Sollte ich lieber nicht darüber nachdenken? Was mir die meiste Angst macht, ist, dass ich vielleicht nur denke, dass ich emotional klarkomme und in Wirklichkeit alles nur verdränge. So fühlt es sich aber nicht an. Vielleicht sollte ich weniger nachdenken. Vielleicht bin ich einfach stabiler geworden. Es ist jedoch schwer das einfach zu akzeptieren, weil es schon so lange nicht so war. Ich bin nicht glücklich und strotze vor Hoffnung – versteht mich nicht falsch. Aber ich verzweifle nicht und fühle mich nicht so am Boden, wie ich es eigentlich gewöhnt war. Gruselig, wenn man eher daran gewöhnt ist labil zu sein.

Ursprünglich wollte ich mit dem heutigen Teil auf etwas anderes hinaus, aber die Gedanken schweifen dahin, wo sie hinwollen. Eigentlich wollte ich darauf hinaus, dass es herzzerreißend ist Leute zu verlieren, die einem Nahe stehen. Auch Menschen in meinem Umfeld haben geliebte Personen verloren in diesem Jahr, auch das beschäftigt mich, weil man ungefähr weiß, wie sie sich fühlen, auch wenn selbstverständlich jede Trauer individuell ist. Ich wollte sagen, dass man dankbar sein sollte, für die Zeit, die man am Leben ist und für die Menschen um einen herum. Die Welt ist verloren, die Menschheit ist verloren, der Planet Erde ist verloren, aber doch gibt es gute Menschen und jeder kennt mindestens eine Person– die sollte man schätzen und schützen. Ich weiß, ihr braucht nicht zu Schmunzeln, eine Braue hochzuziehen oder zu Schnauben, es ist sehr pathetisch was ich schreibe. Deswegen bin ich auch erst meinem anderen Impuls gefolgt.

 

Dieses Jahr fing ich „erst“ im November an meinen alljährlichen Jahresrückblick zu schreiben, wenn man bedenkt, dass ich es letztes Jahr schon im August tat. Das war so, weil ich eigentlich nach allem was war, zum ersten Mal, seit vielen Jahren schon, keinen Jahresrückblick schreiben wollte, weil ich wusste, dass er nicht positiv, sondern weinerlich, voller Selbstmitleid, pathetisch sein wird und mir meine Faulheit, die ich dieses Jahr wieder besonders gespürt habe, wie ein Spiegel vor die Nase hält. Und ich eigentlich auch nicht wirklich wusste, was ich dieses Jahr schreiben soll, alles erschien sinnlos und dumm. Vielleicht war ich auch faul, weil ich nicht das machen konnte, mit der gewohnten Leidenschaft und Lebensfreude wie sonst. Ich sehe selten, warum es sich lohnt sich aufzurappeln und etwas zu tun. Auch wenn ich mich emotional als relativ stabil einordne, sitzt mir die Trauer tief in den müden Knochen. Und sind wir mal ehrlich, diesen Quatsch liest sich sowieso fast niemand durch und ich habe nie gesagt, dass ich den Leuten kurz vor dem Jahreswechsel eine kleine positive Note mit auf den Weg gebe. Ich bin hin und her gerissen – ist das Leben schön oder ist es das nicht?

Wie steigt man aus solch einem Text aus? Mit einer positiven Note? Mit einem Zitat? Mit einem Witz? Es gibt Momente, da sehe ich die Dinge anders als hier beschrieben, aber das jetzt zu sagen, wäre eine Lüge.

Also guten Rutsch … i guess.

Eure, im echten Leben, Hippie-Philosophin Emi

fragmente einer verlorenen nacht_remastered

Sie stieg am Alexanderplatz aus. Sommeranfang. Es blieb lange hell – fast nie Düster. Busse, Taxis, Trams rauschten vorbei – hupten sie an. „Runter von der Straße!“. Diese Nacht war schwindelig, wie Trunkene in einem Birkenhaine.

Sie geht zum Unterwassertempel. Vielleicht geh ich ihr heimlich nach.

Teen-Queen so wie Steffi Graf. Der Späti hatte noch offen. Lustige Druffis und Yuppie-Visagen. Sie machte sich Wodka-O. „Was pöbeln, du Hund? Deine Mutter pöbelt!“ Man traf sich am Kottbusser Tor. Wir drehten Donuts auf einem Parkplatz. Alle trugen Nikes. Sie zog an einem Joint. Hips don’t lie. Ass out – Daisy Duck. Sie tanzten zu dem Autoscheinwerferlicht – Xenon. Sie zog ihre Hoop-Earrings zurecht. „Bevor wir sterben, bitte schieß ein Portrait.“ Ihre Sneaker waren mal weiß. Curtain Bangs rahmten ihr wunderschönes Gesicht. Eyeliner länger als das Crop-Top. Berlin ist nicht Beverly Hills. Draußen wird es frisch. Blaues Licht in der Stadt. „Was hab ich getan, Herr Kommissar? Wir sind doch brav. Was kann ich dafür, dass du nicht magst, was du da machst.“ Sie war high und sie lachte. Im Suff postete sie eine Story. Und so kam er. Keiner hatte ihn gerufen. Ihr Ex kreuzte auf. Der Scheißwichser! Er kam geradewegs auf sie zu. „Der Fahrstuhl am Westkreuz riecht noch immer nach Pisse und du weißt nicht, wie doll ich dich vermisse.“, sagte er. „Malchik-Gay.“, sie schubste ihn Weg, „Bringt Poseidon dich ins Bett? Du fragst zweimal, ich sag dreimal nein.“, rief sie ihm hinterher. Er verschwand so schnell, wie er gekommen war, sie schaute ihm lange hinterher. Immer wenn sie ‚immer‘ schreibt, weiß ich gleich, dass sie nicht mehr bleibt. Ich fall’ in deine Arme, so wie in Stacheldraht. Du schaust zu, während ich ertrinke im Meer, in dem du nicht mehr bist. Es ist still geworden. Alle waren peinlich berührt. Starrten ins leere Glas. Sie saß auf der Motorhaube des schwarzen BMW 3ers. Plötzlich war sich niemand mehr sicher. Wo war die Attitude? Blaugrünes Licht. Sie holten sich Döner-Kebab und fuhren aus der Stadt raus – flohen, vor der unangenehmen Situation. Halten zum Heulen an tausend kleinen Trauerweiden. Und mancher Tage Stunden sind so. Wir saßen auf einer Brandenburger Schotterpiste. Nur Gigi D’Agostino mit Interrottamente konnte es noch retten. „Ist alles okay?“ Sie guckte hoch. „Wenn die Scheiße dir zu rough ist, hör doch Coldplay. Für Smalltalk bin ich leider viel zu wild.“ Die Hände wurden gehoben, wie bei einer Festnahme und es wurde sich weggedreht. „Ja geh lieber, wenn du Angst hast. Ich hab’ keine Angst vor dem Monster unter meinem Bett.“ Sie war angepisst, high und besoffen. „Soll ich ihm einfach wieder schreiben oder nicht? Wie kann man jemanden so krass vermissen?“. Sie seufzte – abermals. „Und jetzt?“, fragte jemand. „Vergiss ihn!“, sagte jemand anderes. Aber sie wusste nicht weiter. Sie saßen noch eine Weile rum und teilten ihren Liebeskummer von früher. „Ich war mal verliebt, was für eine Ironie.“ Dann wurde es hell. „Wir sollten uns auf den Weg machen.“

„Die Uhr will mir erzählen, dass es draußen schon Tag ist, doch ich lasse mir von Accessoires nicht erzählen, was der Plan ist.“ Sie lachten über sie, trugen sie ins Auto und fuhren wieder zurück.

Anything travelling faster than the speed of light is going back in time.

„Bringt Poseidon dich ins Bett?“

Bringt Poseidon mich ins Bett? Tiefsee hinter deinen Augen. Du bist so geschmeidig wie Velour. Deine Lippen so gefährlich, wie eine Sirene. Und deshalb sinke ich, doch sehe, du schaust zu vom Steg. Ich falle in deine Arme, so wie in Stacheldraht.

Sie schlief ein. Träumte von Wolkenmeeren, Fischen, Wind und der Gischt. Am späten Nachmittag griff sie zum Handy: „Mir fällt etwas runter, du hebst schon lange was auf, so ein Typ lebt seinen Traum, auf den jemand anderes baut, eine Nachricht geht unter, an die jemand einsames glaubt – Albtraum, weil jeder einsame jemand einsames braucht.“

.

.

.

Bringt Poseidon dich ins Bett? Du bist bleich wie der Mond vor dem Fenster. Pass auf dich auf, denn Träume sind tief. Ich schaute mich im Spiegel an. Draußen ist es schon wieder dunkel geworden. Raindrops on my window pane, but nothing takes the pain away. Worst thing about a breakin‘ heart, one you loved ripped it apart. Er hat nicht geantwortet. Wieso hat er nicht geantwortet? Er hat nichts geschrieben.  Die Brust tut mir weh, ich kann nachts nicht mehr pennen. Sind die Geister unterm Bett vielleicht mein Team? Der Himmel färbt sich heute noch rot. Ich lass meine Gefühle dem Tod. Die Sonne ging auf und sie hatte nicht geschlafen. In warmes Licht getaucht ging sie durch die Straßen. Die Chain ist full besetzt mit Baguetts. Baggy-Jeans für die Vibes. Die Titten hängen raus so auf cozy. Top Zwei in Sachen Sexappeal. Geht durch das Viertel. Spricht arabisch, japanisch, ein bisschen spanisch fürs Geschäft. Irgendwer will irgendwas, doch ich kann ihm nicht folgen. Fragt jeden: „Trägst du Goldkette oder ist das ein Strick?“. Sie zertritt ein paar Tulpen im Park, weil sie seit ihm schöne Dinge nicht mehr mag. Lässt sich plumpsen ins Gras und heult. Mit dem Gesicht voran in den Boden gedrückt, schreit sie sich die Seele aus dem Leib. Muss Liebe immer ein bisschen weh tun? Einer von ihren Freunden sieht sie: „Was ist los? Hat er dich geschlagen?“

„Denken sich ein paar Skandale aus, nur weil es von den Fotzen keiner selber packt.“

Der Freund brachte sie nach Hause. Auf dem Weg sahen sie die Ex von ihrem Ex. „Deine Bitch hat flashbacks, wenn sie rot sieht.“

Wer stand vor ihrer Haustür?!…

„Wieso hast du nicht geantwortet?“

„Ich wusste nicht was…“

„Bringt Poseidon dich ins Bett?“, sagte sie und schubste ihn.

„Sag mir nicht, dass du mich liebst, wenn du morgen wieder gehst.“

Sie schaute auf den Boden. Er kam auf sie zu und küsste sie.

„Immer wenn du sagst du liebst mich so, wie ich bin, siehst du nicht richtig hin, denn du liebst, was ich nie war, und nach all den Jahren bist du immer noch so blind. Ich weiß nicht, was wir sind denn du liebst, was ich nie war.“, sagte sie ganz ruhig. Er wich zurück: „Wieso schreibst du mir dann?“

„Am Wochenende kommt die sadness.“

„Ich schweb wie Nebelschwaden über feuchte Straßen. Was willst du mir damit sagen?“

„Wieso bist du zu mir gekommen gestern?“, Tränen kullern über ihre Wangen.

„Ich wünscht, du wärst schwach damit ich dich halten kann.“, er kam wieder auf sie zu.

„Ich wäre gerne voller Zuversicht. Jemand, der voll Hoffnung in die Zukunft blickt. Der es schafft, all das einfach zu ertragen. Ich würd dir eigentlich gern sagen – alles wird gut.“

„Doch das kannst du nicht…“

„Liebe reicht manchmal nicht aus.“