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Zwischen Potential und Schicksal

Bei Menschen in meinem Umfeld die ich relativ gut kenne sehe ich oft großes Potenzial. Also ich habe die Meinung, dass sie eigentlich noch so viel besseres machen könnten, einen besseren Beruf dadurch ein besseres Leben haben könnten. Ich weiß nicht ob sie das auch so sehen wie ich, ob sie wissen was sie können, wenn sie höhere Ambitionen hätten.
Ich sprach darüber mit meinem Vater und er meinte, wenn das Leben schon gelebt wurde und das Potenzial nicht genutzt wurde, dann ist es Schicksal, dann sollte es genauso geschehen, sonst wären wiederum andere Dinge im Leben nicht passiert oder anders passiert. Kann ja alles richtig sein, wenn man so viel Potenzial hat so oft ich dieses Wort in meinem Text benutzt habe aber eben nicht am richtigem Ort zur passenden Zeit war und nicht  die passenden Leute kennt, dass dann das ganze Potenzial nichts zu bedeuten hat oder nicht ausreicht oder anders wenn wir uns bewusst sind welches Potenzial wir haben aber wissen, dass die passende Zeit verstrichen ist, kann einen das sehr ernüchtern. Aber (jetzt kommt das große aber) ich denke, wenn man weiß was man kann, weiß was man will, wenn man das dann auch noch wirklich erreichen will, dann wird es auch so kommen. Man sollte jede Chance nutzen, dann kommt auch die benötigte Gelegenheit, die passenden Leute und alles andere was man braucht um sein Potenzial auszuschöpfen.
Ich weiß, dass das ultra mega kitschig klingt, dieses ‘wenn du etwas willst, dann schaffst du das’ aber Rhabarber ich musste das mal los werden.
Und eigentlich war das Thema Potenzial. Ich finde es so schade zu sehen, dass Leute so viel mehr in ihrem Leben erreichen könnten aber unter ihren Möglichkeiten bleiben aus welchen Gründen auch immer sei es Schicksal, sei es  eine verpasste Gelegenheit, sei es fehlende Ambitionen, sei es das nicht wissen seiner Fähigkeiten. Deswegen People, wenn ihr wisst, dass ihr mehr könnt nutzt jede Gelegenheit oder findet die Gelegenheit die ihr braucht, man weiß ja nie wie sich das Leben dadurch verändert.
Ich hoffe wie ich geschrieben habe war nicht zu durcheinander und wirr. Diesmal habe ich nicht auf eine gewählte Wortwahl geachtet oder auf eine günstige Satzstellung oder wunderschöne Metaphern eingebaut, sondern den Gedanken genommen wie er kam, bevor ich ihn wieder vergesse.

Ich denke in un allen steckt Potenzial in einem mehr, im anderem weniger und jeder nutzt sein Potenzial anders. Ist es, dann also doch Schicksal wer wie viel von seinem Potenzial entdeckt?

Eis im Januar

Es war hell, beinahe blendend. Dennoch schien sie Sonne nicht. Sie war versteckt hinter weißen Wolken, die so aussahen wie der Rauch von flüssigem Stickstoff, als hätte Mutter Natur mit einem Chemiebaukasten experimentiert und hinter ihr stand eine Neonlampe. Das Wetter war merkwürdig, beinahe mild, fast angenehm. Dennoch lag noch etwas Schnee. Nicht mehr wirklich viel, die Straßen waren schon alle wieder blitzeblank, aber da wo die Schneeschieber große Haufen gemacht haben kann man immer noch hochklettern und wieder runterrutschen. Diesen Winter hatte es viel Schnee gegeben das ist jetzt noch der Rest, obwohl der Winter ja noch nicht vorbei ist, vielleicht kommt noch mehr. Die Bäume im Garten waren kahl und dunkel, sahen ziemlich einsam aus in dieser weißen Umgebung, obwohl sie nicht alleine waren. Außerdem gab es im Garten noch einen kleinen Teich, er war so klein man hätte Pfütze sagen können, entdeckte man nicht die Fische die durch das Wasser schimmerten, doch es waren keine echten Fische nur Plasikfigürchen. Um den Teich waren ein paar Büsche platziert. Vom Haus aus führte eine Terrasse, auf der Tisch und Stühle standen, zum Garten. Das Highlight war jedoch die Schaukel auf der zwei Kinder gleichzeitig schaukeln konnten. Wenn man sich den Garten im Ganzen anschaut fällt einem nichts auf, ein durchschnittlicher Garten einer durchschnittlichen Familie. An diesem hellen, weißen Januar Morgen spielten zwei Freunde mit dem Schnee im Garten. Es war Sonntag und alle waren zuhause und genossen den freien Tag.

Die Freundschaft der beiden begann schon am ersten Tag des Kindergartens: Im August als der Kindergarten nach zwei Wochen Sommerpause wieder öffnete, kamen viele neue Kinder dazu, damit sich alle besser kennen lernten, gab es ein kleines Sommerfest auf dem Spielplatz, vor dem Kindergarten. Alle Kinder, Eltern und Erzieher waren da es wurde gegrillt, gegessen, getrunken, gespielt und gelacht. Doch zwei Kindern schien der Trubel zu viel, sie saßen abseits vom Fest im Sandkasten aber nicht zusammen. Nein, jeder für sich auf der gegenüberliegenden Seite vom jeweils anderem. Es war ein Junge mit kurzen blonden Haaren, einem Poloshirt, Shorts in seiner Lieblingsfarbe- blau und Sandalen in die die ganze Zeit Sand kam und zwischen seinen Zehen kitzelte. Und ein Mädchen, sie hatte einen großen Hut auf, unter dem goldene Locken zusehen waren, sie trug ein zum Hut passendes Kleidchen und unter ihrem Sandalen trug sie Söckchen, so dass sie der Sand nicht weiter störte. Sie saßen stillschweigend da und klopften mit der Hand auf den Sand, doch ließen sich nicht einen Augenblick aus den Augen.

Zurück im Garten waren die beiden nun schon sechs Jahre alt und würden im Sommer zur Schule gehen. Sie saßen nebeneinander und bauten den Schneemann zu Ende den sie gestern angefangen hatten. Was sich als nicht so einfach herausstellte, da der Schnee nicht mehr so locker und leicht war, sondern träge und schwer und eigentlich war auch kaum genug Schnee für einen ordentlich großen Schneemann da. Doch das machte den Kindern nichts aus, sie hatten trotzdem viel Spaß. Sie formten nach und nach erst den Bauch und den Kopf, verpassten ihm Hut, Nase, Knöpfe, Augen, Mund, Äste als Arme und ein Schal um den Hals.

Sie fühlten sich wie Erschaffer, aus gefrorenem Wasser erschufen sie etwas neues, beinahe lebendiges, fast Menschliches. Wenn man die beiden fragte was sie später mal werden wollen antworteten sie immer gleich: „Ich weiß nicht wie das heißt aber irgendwas Neues machen, neues bauen.“ Man fragte ob sie Erfinder werden wollen, sie überlegen, schauen sich gegenseitig an und sagen: „Ja vielleicht sowas.“

Der Junge sprang auf und rief: „Ja Helena fertig! Fertig! Ich rufe Mama!“ So lief er ins Haus, um seine Mutter zu rufen, damit sie das Werk der beiden bewundern kann. In Hausschuhen tapste die Mutter vom Jungen über die Terrasse und blieb am Rand stehen. „Leander was ist denn?“

„Mama schau ein Schneemann! Haben Helena und ich ganz alleine gemacht.“

„Mit dem Schal von Papa!“, sie lachte.

„Ja, Papa ist zuhause vor dem Kamin, der braucht keinen Schal und der Schneemann ist draußen und friert.“ Helena nickte eifrig, als würde sie Leanders Worte bestärken wollen.

„Ja das stimmt natürlich. Ihr Lieben wollt ihr nicht rein und heiße Schokolade trinken? Langsam wird es dunkel und Helena muss in einer Stunde nach Hause und du willst ja nicht krank werden stimmt’s?“, sie schaute bei den letzten Worten Helena an.

Die Sonne knallte auf das Sommerfest und Leander wünschte sich auch so einen Hut wie von Helena. Sie sah genauso groß wie er aus, also dachte er sie muss auch neu sein. „Wie heißt du?“, fragte sie.

Sie grinst und scheint neugierig und munter. „Leander und du?“, antwortete er vorsichtig.

„Leander was für ein komischer Name. Ich bin Helena.“, sie grinste immer noch und blickte ihn direkt an.

„Helena ist auch ein komischer Name.“, Leander war gekränkt, er dachte zuerst, dass sie nett war. Er machte ein ganz zorniges Gesicht und dreht sich halb weg. Helena lachte: „Ja mein Name ist auch komisch, genau wie du. Sag mal Leander hast du nicht Durst? Es ist voll heiß und meine Mama hat Limonade gemacht.“ Er dreht sich ein klein wenig zurück und flüstert: „Limonade?“

„Ja, ja! Selbstgemacht! Komm! Komm, Leander!“

„Heiße Schokolade? Helena willst du heiße Schokolade?“

„Warum nicht?!“

„Ich will lieber Eis.“, sagte Leander, Helena leckte sich die Lippen, schaute dann aber zu Leanders Mutter die eine Augenbraue vor Überraschung hob. Dann räusperte sich Helena lachte verlegen und sagte in einem übertrieben gespielten Ton: „Eis? Ist das dein ernst? Es ist doch so kalt. Eis im Januar. Du spinnst doch!“, und schaute dabei die ganze Zeit Leanders Mutter an.

„Ja Helena hat recht“, sie musste schmunzeln, „es gibt kein Eis. Wollt ihr jetzt rein oder nicht?“

„Nein Mama wir spielen noch draußen.“

Keine fünf Minuten später kam Leander mit einem Plastikbehälter voller Vanilleeis und zwei Löffeln wieder. Sie setzten sich auf die Schaukel und aßen abwechselnd das Eis. „Du hast aber geflunkert Helena! Du wolltest das Eis genauso wie ich!“, Leander warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu und steckte sich einen vollen Löffel in den Mund. Sie zuckte mit den Schulten: „Und? Deine Mama soll nicht schlecht von mir denken.“

„Quatsch.“

„Es ist schön hier bei euch im Garten.“, bemerkte Helena nach einer Weile.

„Findest du?“

„Ja, es ist ganz hübsch.“ Sie aßen weiter.

„Schmeckt das Eis?“

„Ja und besonders im Januar.“, beide lachten.

„Was wünscht du dir zum Geburtstag Helena? Gestern habe ich die Einladung bekommen.“

„Oh das ist gut. Hm… Ich wünsche mir… ich wünsche mir, dass wir immer Freunde bleiben und dass… dass es immer Januar bleibt.“

„Dann gibt es nämlich immer Eis im Januar.“

 

 

​…für dich Leander.

Es geht darum was du daraus machst – 7. Kapitel

Mit einer bunt gemusterten Decke, zwei Kissen, etwas zu Essen und zu Trinken wartete ich, mitten im Park auf Gabriel. Ja, wir haben uns verabredet. Das Telefonat dazu verlief sehr merkwürdig, er hat angerufen.

Hallo?“

Tanja… du glaubst gar nicht…“

Nein Gabriel hör auf, ich weiß was du sagen willst. Es war so schon schwer abzuheben. Bitte! Ich kann mir vorstellen wie du dich fühlen musst…“

Schon gut, du musst nicht weitersprechen. Ich versteh schon. Wollen wir das nicht persönlich weiter besprechen?“

Mit persönlich meinst du ein Treffen?“

Ja klar was sonst? Ich dachte an ein Picknick.“

Picknick?! Du hast aber schon in letzter Zeit mal aus dem Fenster gesehen? Wir haben November!“

Ja dessen bin ich mir schon bewusst, aber es soll am Sonntag warm werden, also warm für November.“

Na gut.“

So saß ich also dick eingepackt da. Die Leute schauten schon ganz komisch. Kann man ihnen aber auch nicht übelnehmen, wer macht schon freiwillig ein Picknick im November? Abgesehen davon war es echt schön: es war wirklich relativ warm, fünfzehn Grad sogar, die Sonne schien, blauer Himmel, goldene Blätter überall, Leute gingen mit Kaffee spazieren, ein paar wetterfeste Vögel sangen in den Baumkronen ihre Liedchen. War doch keine schlechte Idee von ihm gewesen. Ich bin extra etwas früher gekommen um die Natur zu genießen, um etwas alleine zu sein und um zu überlegen wie es zwischen Gabriel und mir weitergeht. Mir darüber Gedanken zu machen hatte ich nämlich völlig verdrängt. Ich vermisse ihn, das muss ich zugeben. Ich liebe ihn immer noch, Gabriel hat mir immer gutgetan, hat mir immer halt gegeben und mich alles vergessen lassen – alles wahr. Wird schon schief gehen…

Kurz darauf kam er schließlich, mit einem Korb voller Essen und Wein. Er lächelte übers ganze Gesicht, meinte er freue sich riesig mich wieder zu sehen. Ich fühlte mich zunächst etwas unbeholfen, das merkte er natürlich. Er setzte sich erst, schaute mich aufmerksam an und umarmte mich. Ich versuchte die Umarmung zu erwidern fühlte mich aber eher wie ein Tollpatsch, weil ich doch nicht so recht wusste wie ich mich verhalten soll. Gabriel wusste meine ganze Geschichte, ich hatte es ihm alles erzählt auch wenn wir uns zu dem Zeitpunkt noch nicht so lange kannten, aber bei ihm hatte ich das Gefühl vollkommen ehrlich sein zu können ohne Verurteilt zu werden.

Ich merkte, wie er mich beruhigen wollte, er fing direkt an zu reden und seine Sachen auszupacken. Wir tranken und aßen. Es wurde dunkel und kalt. Er schaute mich an so als wollte er sagen: ‚Tanja rede endlich worauf wartest du!‘. Ich lächelte kurz und schüttelte den Kopf. „Was ist?“, fragte er.

„Ich weiß ganz genau was du denkst. Lass uns die Sachen zusammenpacken und im Laden was trinken. Wir haben ne neue Sorte Whiskey. Dann können wir über alles reden.“, antwortete ich.

Gabriel lächelte und nickte. Wir machten uns zu Fuß auf den Weg und erinnerten uns an die gemeinsame Zeit, es war zwar nicht sehr lange gewesen, aber einige witzige Dates hatten wir schon, worüber wir heute lachen können.

Als wir angekommen sind, legte ich einfach los und sprach frei von der Leber weg, die Wörter sprudelten einfach nur so heraus, vielleicht lag es am Alkohol: „Gabriel zuerst muss ich sagen wie toll du dich verhalten hast, du gabst mir meine Zeit, meinen Raum, warst trotzdem immer da und ich habe mich immer so gefühlt als würdest du dich um mich sorgen und kümmern. Ich bewundere deine Geduld mit mir.“

„Das nennt man Liebe.“, er nahm ein Schluck vom Whiskey.

Ich kicherte. „Jedenfalls geht es mir immer gut, wenn du da bist, sowie auch heute.“

Er nahm meine Hand und lächelte.

„Mehr oder weniger habe ich meinen Rhythmus wiedergefunden. Ich denke ich kann mit dem Vergangenen endlich abschließen.“

„Wird auch Zeit.“, er drückte meine Hand fester.

„Ja und ich weiß, dass du zu meinem normalen Leben einfach dazu gehörst und ich ohne dich einfach nicht sein möchte.“

Er legte den Kopf zur Seite, als würde er ganz aufmerksam zuhören und machte ein sehr erleichtertes Gesicht. Ich erzählte Gabriel von der Begegnung neulich mit Elijah und ich sprach noch etwas weiter, dass ich ein Idiot war, dass ich ihn verstoßen habe, wie ich mich verhalten habe, dass das absolut dämlich war und dass ich zur Normalität zurückkehren will.

„Es macht mich so glücklich dich endlich wieder zu sehen und noch mehr, dass du mit mir sein willst.“

In diesem Augenblick kamen mir Tränen der Erleichterung. Darauf antwortete er mit einem Kuss. Er küsste mich erst langsam und zart, so dass sich unsere Lippen kaum berührten, dann etwas mutiger. Ich erwiderte seine Küsse leidenschaftlich und war endlich angekommen.

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Es geht darum was du daraus machst – 6. Kapitel

„Tanja? Tanja bist du es echt?“

„Frau Eras wie schön sie zu sehen.“

Ich ging um die Theke und umarmte diese herzensgute Frau. Frau Eras war seit dem ersten Tag des Saftladens Kundin. Sie bestellt immer Karotte-Apfel oder Orange-Limette-Banane. All unsere Säfte machten wir ganz frisch ohne jegliche Zusätze. Was unseren Laden ausmacht und was die Kunden loben ist das besondere Obst. Wir bestellten alles was geht aus der Region und die exotischen Sachen, nur von bester Qualität von kleinen Bauern, die die Früchte ohne Genmanipulation und ohne Pestizide anbauen. Mein Lieblingssaft ist Traube-Minze-Johannisbeere mit extra Eiswürfeln.

„Kind ich habe mir solche Sorgen gemacht, endlich bist du wieder da.”

Ich lachte nur verlegen: „Frau Eras was kann ich ihnen anbieten? Jetzt im Herbst und Winter haben wir verschiedene selbstgemachte Früchtetees. Bei dem Wetter kann man keine Säfte trinken. Und beim Bäcker von Gegenüber haben wir kleine Früchteküchlein bestellt.“

„Du willst also nicht über deine Zeit in Abwesenheit reden?!“, sie mustert mich kritisch, „Dann reich mir mal die Karte mit den neuen Sachen.“

Frau Eras studierte die Karte und ich machte etwas sauber. Es war noch vor zwölf, der Morgenansturm war vorbei.

Frau Eras ist im Sommer sechzig geworden, ihren Geburtstag haben wir hier im Laden gefeiert. Da hat noch niemand geahnt wie schlecht es mir schon ging. Frau Eras feierte mit ein paar Freunden von der Arbeit und ein paar Mitarbeitern aus dem Laden. Ihren Mann hat sie leider schon verloren und ihre einzige Tochter wohnt wegen Recherchen für ihr neues Buch in Peru und konnte leider nicht weg, erst über die Weihnachtstage schafft sie es.

Frau Eras war eine Frau der alten Schule. Sie verkörperte pure Eleganz. Heute zum Beispiel an diesem regnerischen Donnerstag in Berlin im Oktober hatte sie einen durchsichtigen Regenschirm, einen kurzen schwarzen Trenchcoat, darunter einen einfachen schwarzen Rollkragenpullover, eine schwarz-weiß karierte Hose, bordeaux rote Stiefel mit einem kleinen Absatz, einen grauen Wollschal und zu den Schuhen passend eine Tasche. Die Haare hatte sie ganz kurz und schon grau. Ein dunkler Lippenstift war muss. Sie sah einfach immer edel aus. Mit ihrem Mann hatte sie eine Firma die Autoteile herstellte aber, als ihr Mann letztes Jahr starb, verkaufte sie die Firma und machte sich ein entspanntes Rentnerleben. Früher kamen sie oft zusammen. Sie waren auch nach fast vierzig Jahren Ehe noch so verliebt wie am ersten Tag. Während Frau Eras immer Säfte trank, wollte er immer Kaffee (den gibt es normalerweise im Laden nicht zu kaufen, sondern war für die Mitarbeiter in der Pause gedacht, aber Herr Eras konnte man einfach nicht nein sagen), ganz selten nahm er mal Kirschsaft mit einem Schuss Whiskey, den wir extra für die beiden in unser Sortiment genommen haben.

„Einen Kirsch-Whiskey und einen Apfeltee.“

Erst beim Servieren merkte ich, dass irgendwas nicht stimmte.

„So früh schon einen trinken?“, ich zog eine Braue hoch.

„George hat heute Geburtstag. Um diese Zeit letztes Jahr war er schon Tod.“

„Stimmt. Dann sollten wir anstoßen.“, das Grinsen verschwand.

Ich machte mir den gleichen Drink. Mila schaute mich ganz vorwurfsvoll an als sie das sah. Ich deutete mit dem Kinn auf Frau Eras. Als sie begriff worum es geht, machte ich ihr auch einen Kirsch- Whiskey.

„Ruhe in Frieden Herr Eras und happy Brithday.“, sagte Mila.

„Herzlichen Glückwunsch. Wir vermissen sie jeden Tag.“

Frau Eras hob ihr Glas: „George mein Schatz, ich hoffe es geht dir gut. Hab einen schönen Geburtstag! Den Mädels geht es gut. Ich habe dir von Tanja ja erzählt, dass sie Probleme hatte aber es geht ihr wieder gut und sie ist wieder im Laden. Du bist nicht mehr da, obwohl ich dich jeden Tag brauche. Das einzige was hilft ist mit dir zu reden. Mehr als ein Jahr bist du fort doch meine Liebe zu dir hält immer noch und das wird sie auch für immer. Mädels ich wünsche mir für euch, dass ihr einen Mann findet der zu euch so gut ist wie George zu mir, dann macht es euch nichts aus ihn zu lieben, wenn er nicht mehr da ist.“

Wir hatten alle Tränen in den Augen und tranken unseren Whiskey.

Neue Gäste kamen rein also packte ich die Gläser schnell weg und wischte mir über die Augen.

„Hallo, was darf’s sein?“

„Hallo, ich sehe sie haben eine neue Karte?!“

„Ja die kalte Jahreszeitkarte mit Früchtetees und Küchen vom Bäcker gegenüber.“

„Oh hört sich super an. Schatz was willst du?“

„Erdbeerkuchen Mama Erdbeerkuchen“

„Na Sommer ist vorbei. Es gibt keine frischen Erdbeeren mehr.“

„Ja wir haben zwar keinen Kuchen mit frischen Erdbeeren aber dafür mit Erdbeermarmelade. Echt lecker.“

„Erdbeerkuchen Mama!!“, sagte der Junge erneut der gar nicht über die Theke schauen konnte.

„Gut dann hätten wir gerne zwei Mal Erdbeerkuchen, einmal den Tagessaft für den kleinen und einen Ingwer-Zitronen-Tee für mich.“

„Heute ist der Pfirsich-Mango-Mandelmilch im Angebot als Tagessaft. Was sagst du?“, ich schaute zu dem kleinen rüber.

„Mandelmilch hab ich noch nie getrunken.“

„Es wird dir schmecken.“, sagte ich.

Mila nahm schon die nächste Bestellung auf, als er plötzlich rein kam. Ich war überfordert ihn jetzt schon zu sehen. Wie soll ich mich verhalten? Und was will er hier?

„Hallo Elijah.“, sagte Mila als er an der Theke kann. Sie huschte nach vorne, schaute mich mit großen Augen an und zuckte mit den Schultern, sie war mindestens genauso überrascht wie ich ihn hier zu sehen.

„Hallo Mila, wie geht’s?“

„Gut. Was machst du hier?“

„Ich habe Mike im Fitnessstudio getroffen und er hat erzählt Tanja arbeitet wieder da wollte ich selber schauen wie es ihr geht.“

„Ach da dachtest du, du kannst hier einfach so rein spazieren?“

Mila wurde lauter aber ich hörte gar nicht hin. Ich wich ein Schritt zurück, ich war überhaupt nicht bereit ihn zu sehen. Ich atmete ganz verkrampft, bekam kaum Luft, verfiel in Schnappatmung, ging immer weiter zurück, meine Augen wurden immer größer, jetzt mischte sich Frau Eras ein, wollte Mila beruhigen die Elijah gerade zum Teufel schickte.

„Mila es reicht!“, sagte ich, sie dreht sich um, atmet tief durch und widmete sich wieder den Kunden. Abermals ging ich um die Theke aber diesmal raus an die frische Luft. Naja frisch war anders. Auto um Auto fuhr an mir vorbei. Elijah kam aus dem Laden, ich seuftze.

„Tanja sorry, dass ich hier einfach so aufkreuze, das war echt unüberlegt. Aber ich musste mich vergewissern, dass es dir besser geht.“

„Ja Elijah es geht mir echt wesentlich besser, Mila und meine Familie haben mir geholfen. Langsam kann ich abschließen mit dem was war.“

„Denkst du, du schaffst das weiterhin alleine, ohne professionelle Hilfe?“

„Was?“, ich runzelte die Stirn.

„Vielleicht solltest du eine Therapie machen. Das würde dich sicher weiterbringen.“

„Das hätte ich von meinen Eltern erwartet aber, dass du das sagst, dass ich nicht lache.“

Er wurde rot: „Ich will dir doch nur helfen Tanja.“

„Danke aber ich pack das schon. Sonst noch was?“

„Ja, Mike hat mir von Gabriel erzählt.“

„Hätte ich lieber nicht gefragt.“

„Nein, nein ich will dir keine Vorwürfe machen. Ich will nur, dass du glücklich bist. Denkst du ihr versöhnt euch wieder?“

„Keine Ahnung, ich weiß nicht ob eine Beziehung jetzt das Richtige für mich ist.“

„Hmm… versteh ich. Mach was am besten für dich ist.“

„Danke.“

Er lächelte, kratze sich am Kopf und ging wieder.

„Und was hat er gesagt?“, Mila schaut mich ganz erwartungsvoll an.

„Er wollte nur nach mir sehen und hat gesagt er hat kein Problem mit Gabriel.“

„Das war’s?“

„Ach ja und ich soll eine Therapie machen.“

„Autsch. Das tut weh.“

„Der denkt ich bin verrückt.“, ging durch den Laden und warf die Hände hoch, „Der denkt echt ich bin verrückt.“

„Nein hör auf! Geh wieder an die Arbeit!“

Frau Eras schaute mich aufmunternd an: „Noch ein Whiskey?“

Nächstes Kapitel

Zweifel am Zweifeln

Wir zweifeln ständig
An unserem Aussehen
An unserem Gesicht
An unserer Figur
An unserem sozialen Status
An unserem Job
An unseren Leistungen
An unserem Charakter
An unseren Handlungen
An unseren Entscheidungen
An unseren Freunden
An unserer Einstellung zum Leben
An unseren Klamotten
An unserem Lebensstil
An allem zweifeln wir

Überlegen uns was wenn. Warum? Vielleicht so oder so? Was ist möglich? Was ist besser? Was ist richtig? Fragen über Fragen. Zweifel über Zweifel.
Und wofür zerbrechen wir uns den Kopf? Um es wieder zu verdrängen und sich dann wieder dem Alltag zu widmen. Denn der meiste Zweifel ist ja, wenn wir ehrlich sind völliger Blödsinn. Warum also? Vielleicht haben wir solche zweifelnden Gedanken, weil wir wissen was wir verändern können? Weil wir im Grunde wissen was wäre wenn aber nichts tun? Oder weil zweifeln so viel einfacher ist als die Dinge die einen Stören zu ändern oder weil es einfacher ist an unsinnigen Dingen zu zweifeln anstatt sich den wichtigen Sachen zu widmen? Wer weiß das schon… Oder weil wir wissen, dass wir es nicht ändern können und dem perfekten Bild von uns nach trauern? Man hat ein Bild von dem der man gerne sein möchte und zweifelt an allem anderen, aber es gibt nicht nur ein richtig, nicht nur ein Bild von uns welches das richtige ist. Es ist ok wie du bist, es ist ok wie wir alle sind. Auch mit all dem Zweifel und all den Fehlern. Zu Leben ist ein ständiger Prozess und sich ändern gehört dazu.