„Tanja? Tanja bist du es echt?“
„Frau Eras wie schön sie zu sehen.“
Ich ging um die Theke und umarmte diese herzensgute Frau. Frau Eras war seit dem ersten Tag des Saftladens Kundin. Sie bestellt immer Karotte-Apfel oder Orange-Limette-Banane. All unsere Säfte machten wir ganz frisch ohne jegliche Zusätze. Was unseren Laden ausmacht und was die Kunden loben ist das besondere Obst. Wir bestellten alles was geht aus der Region und die exotischen Sachen, nur von bester Qualität von kleinen Bauern, die die Früchte ohne Genmanipulation und ohne Pestizide anbauen. Mein Lieblingssaft ist Traube-Minze-Johannisbeere mit extra Eiswürfeln.
„Kind ich habe mir solche Sorgen gemacht, endlich bist du wieder da.”
Ich lachte nur verlegen: „Frau Eras was kann ich ihnen anbieten? Jetzt im Herbst und Winter haben wir verschiedene selbstgemachte Früchtetees. Bei dem Wetter kann man keine Säfte trinken. Und beim Bäcker von Gegenüber haben wir kleine Früchteküchlein bestellt.“
„Du willst also nicht über deine Zeit in Abwesenheit reden?!“, sie mustert mich kritisch, „Dann reich mir mal die Karte mit den neuen Sachen.“
Frau Eras studierte die Karte und ich machte etwas sauber. Es war noch vor zwölf, der Morgenansturm war vorbei.
Frau Eras ist im Sommer sechzig geworden, ihren Geburtstag haben wir hier im Laden gefeiert. Da hat noch niemand geahnt wie schlecht es mir schon ging. Frau Eras feierte mit ein paar Freunden von der Arbeit und ein paar Mitarbeitern aus dem Laden. Ihren Mann hat sie leider schon verloren und ihre einzige Tochter wohnt wegen Recherchen für ihr neues Buch in Peru und konnte leider nicht weg, erst über die Weihnachtstage schafft sie es.
Frau Eras war eine Frau der alten Schule. Sie verkörperte pure Eleganz. Heute zum Beispiel an diesem regnerischen Donnerstag in Berlin im Oktober hatte sie einen durchsichtigen Regenschirm, einen kurzen schwarzen Trenchcoat, darunter einen einfachen schwarzen Rollkragenpullover, eine schwarz-weiß karierte Hose, bordeaux rote Stiefel mit einem kleinen Absatz, einen grauen Wollschal und zu den Schuhen passend eine Tasche. Die Haare hatte sie ganz kurz und schon grau. Ein dunkler Lippenstift war muss. Sie sah einfach immer edel aus. Mit ihrem Mann hatte sie eine Firma die Autoteile herstellte aber, als ihr Mann letztes Jahr starb, verkaufte sie die Firma und machte sich ein entspanntes Rentnerleben. Früher kamen sie oft zusammen. Sie waren auch nach fast vierzig Jahren Ehe noch so verliebt wie am ersten Tag. Während Frau Eras immer Säfte trank, wollte er immer Kaffee (den gibt es normalerweise im Laden nicht zu kaufen, sondern war für die Mitarbeiter in der Pause gedacht, aber Herr Eras konnte man einfach nicht nein sagen), ganz selten nahm er mal Kirschsaft mit einem Schuss Whiskey, den wir extra für die beiden in unser Sortiment genommen haben.
„Einen Kirsch-Whiskey und einen Apfeltee.“
Erst beim Servieren merkte ich, dass irgendwas nicht stimmte.
„So früh schon einen trinken?“, ich zog eine Braue hoch.
„George hat heute Geburtstag. Um diese Zeit letztes Jahr war er schon Tod.“
„Stimmt. Dann sollten wir anstoßen.“, das Grinsen verschwand.
Ich machte mir den gleichen Drink. Mila schaute mich ganz vorwurfsvoll an als sie das sah. Ich deutete mit dem Kinn auf Frau Eras. Als sie begriff worum es geht, machte ich ihr auch einen Kirsch- Whiskey.
„Ruhe in Frieden Herr Eras und happy Brithday.“, sagte Mila.
„Herzlichen Glückwunsch. Wir vermissen sie jeden Tag.“
Frau Eras hob ihr Glas: „George mein Schatz, ich hoffe es geht dir gut. Hab einen schönen Geburtstag! Den Mädels geht es gut. Ich habe dir von Tanja ja erzählt, dass sie Probleme hatte aber es geht ihr wieder gut und sie ist wieder im Laden. Du bist nicht mehr da, obwohl ich dich jeden Tag brauche. Das einzige was hilft ist mit dir zu reden. Mehr als ein Jahr bist du fort doch meine Liebe zu dir hält immer noch und das wird sie auch für immer. Mädels ich wünsche mir für euch, dass ihr einen Mann findet der zu euch so gut ist wie George zu mir, dann macht es euch nichts aus ihn zu lieben, wenn er nicht mehr da ist.“
Wir hatten alle Tränen in den Augen und tranken unseren Whiskey.
Neue Gäste kamen rein also packte ich die Gläser schnell weg und wischte mir über die Augen.
„Hallo, was darf’s sein?“
„Hallo, ich sehe sie haben eine neue Karte?!“
„Ja die kalte Jahreszeitkarte mit Früchtetees und Küchen vom Bäcker gegenüber.“
„Oh hört sich super an. Schatz was willst du?“
„Erdbeerkuchen Mama Erdbeerkuchen“
„Na Sommer ist vorbei. Es gibt keine frischen Erdbeeren mehr.“
„Ja wir haben zwar keinen Kuchen mit frischen Erdbeeren aber dafür mit Erdbeermarmelade. Echt lecker.“
„Erdbeerkuchen Mama!!“, sagte der Junge erneut der gar nicht über die Theke schauen konnte.
„Gut dann hätten wir gerne zwei Mal Erdbeerkuchen, einmal den Tagessaft für den kleinen und einen Ingwer-Zitronen-Tee für mich.“
„Heute ist der Pfirsich-Mango-Mandelmilch im Angebot als Tagessaft. Was sagst du?“, ich schaute zu dem kleinen rüber.
„Mandelmilch hab ich noch nie getrunken.“
„Es wird dir schmecken.“, sagte ich.
Mila nahm schon die nächste Bestellung auf, als er plötzlich rein kam. Ich war überfordert ihn jetzt schon zu sehen. Wie soll ich mich verhalten? Und was will er hier?
„Hallo Elijah.“, sagte Mila als er an der Theke kann. Sie huschte nach vorne, schaute mich mit großen Augen an und zuckte mit den Schultern, sie war mindestens genauso überrascht wie ich ihn hier zu sehen.
„Hallo Mila, wie geht’s?“
„Gut. Was machst du hier?“
„Ich habe Mike im Fitnessstudio getroffen und er hat erzählt Tanja arbeitet wieder da wollte ich selber schauen wie es ihr geht.“
„Ach da dachtest du, du kannst hier einfach so rein spazieren?“
Mila wurde lauter aber ich hörte gar nicht hin. Ich wich ein Schritt zurück, ich war überhaupt nicht bereit ihn zu sehen. Ich atmete ganz verkrampft, bekam kaum Luft, verfiel in Schnappatmung, ging immer weiter zurück, meine Augen wurden immer größer, jetzt mischte sich Frau Eras ein, wollte Mila beruhigen die Elijah gerade zum Teufel schickte.
„Mila es reicht!“, sagte ich, sie dreht sich um, atmet tief durch und widmete sich wieder den Kunden. Abermals ging ich um die Theke aber diesmal raus an die frische Luft. Naja frisch war anders. Auto um Auto fuhr an mir vorbei. Elijah kam aus dem Laden, ich seuftze.
„Tanja sorry, dass ich hier einfach so aufkreuze, das war echt unüberlegt. Aber ich musste mich vergewissern, dass es dir besser geht.“
„Ja Elijah es geht mir echt wesentlich besser, Mila und meine Familie haben mir geholfen. Langsam kann ich abschließen mit dem was war.“
„Denkst du, du schaffst das weiterhin alleine, ohne professionelle Hilfe?“
„Was?“, ich runzelte die Stirn.
„Vielleicht solltest du eine Therapie machen. Das würde dich sicher weiterbringen.“
„Das hätte ich von meinen Eltern erwartet aber, dass du das sagst, dass ich nicht lache.“
Er wurde rot: „Ich will dir doch nur helfen Tanja.“
„Danke aber ich pack das schon. Sonst noch was?“
„Ja, Mike hat mir von Gabriel erzählt.“
„Hätte ich lieber nicht gefragt.“
„Nein, nein ich will dir keine Vorwürfe machen. Ich will nur, dass du glücklich bist. Denkst du ihr versöhnt euch wieder?“
„Keine Ahnung, ich weiß nicht ob eine Beziehung jetzt das Richtige für mich ist.“
„Hmm… versteh ich. Mach was am besten für dich ist.“
„Danke.“
Er lächelte, kratze sich am Kopf und ging wieder.
„Und was hat er gesagt?“, Mila schaut mich ganz erwartungsvoll an.
„Er wollte nur nach mir sehen und hat gesagt er hat kein Problem mit Gabriel.“
„Das war’s?“
„Ach ja und ich soll eine Therapie machen.“
„Autsch. Das tut weh.“
„Der denkt ich bin verrückt.“, ging durch den Laden und warf die Hände hoch, „Der denkt echt ich bin verrückt.“
„Nein hör auf! Geh wieder an die Arbeit!“
Frau Eras schaute mich aufmunternd an: „Noch ein Whiskey?“
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